„Medicine at Midnight“ von den „Foo Fighters“: Stadionmusik einimpfen

Die „Foo Fighters“ veröffentlichen mit „Medicine at Midnight“ ihr zehntes Studioalbum, das nicht nur David Bowies gedenkt, sondern auch den einen obligaten Radiohit parat hält.

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Dave Grohl (3. v. r.) legt mit seinen „Foo Fighters“ und der neun Tracks starken „Medicine at Midnight“ neue Musik vor, die mehr groovt als ihre Vorgänger.
© Sony Music

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – In einem normalen Jahr wäre alles anders. Die Foo Fighters würden ihr Album „Medicine at Midnight“ veröffentlichen und könnten damit zwei Tage später bei der Super Bowl Halftime Show auftreten, um jene Fans, die einen Auftritt der Rocker beim größten Sport­event der Welt schon lange fordern, zufriedenzustellen. Sie wissen schon: ­Feuerwerk, Krach, Glitterregen. Im Sommer würde die obligate Festivaltour samt Headlinergigs dies- und jenseits des großen Teichs folgen. Ohne Feuerwerk, aber sicher mit viel Krach.

Aber Jahr eins nach 2020 ist noch nicht wirklich normal. Die Leute vom Super Bowl haben längst verstanden, dass den Popsuperstars Glitterregen besser steht als den alten Rockhaudegen. Deshalb wird morgen The Weeknd abgefeiert, wenn die Grammys den beliebtesten Song 2020 („Blin­ding Lights“) schon in ihrer Nominierungsliste mit Abwesenheit abstrafen. Den Foo Fighters und ihrem gestern veröffentlichtes „Medicine at Midnight“ bleibt nur die Hoffnung auf den Festival­sommer 2021. Schließlich gibt es ein 25-Jahr-Jubiläum, das (nach-)gefeiert werden will.

1994 fand das erste Bandprojekt von Frontman Dave Grohl ein gewaltsames Ende. Der Tod von Grunge-Leitbild Kurt Cobain beschloss die steile Karriere der Band Nirvana, als deren Drummer Grohl bekannt wurde. Obwohl er bereits in dieser Zeit Songs schrieb, auf die A-Seite der Platten schafften es seine Stücke nicht. 1995 gründete er die Foo Fighters und wechselte von hinter den Trommeln nach vorne zur Gitarre und dem Mikro. Bis heute ist er das Herz des Seattler Sextetts.

Und damit auch deren treibende Kraft: Dass „Medicine at Midnight“ um einiges funkiger klingt als seine zuweilen schwer stampfenden Vorgänger, ist vor allem Grohl geschuldet. Mit der Aussage, dass er mit den neuen Songs sein persönliches „Let’s Dance“ von David Bowie geschaffen habe, diktiert der Songschreiber der Musikkritik auch noch einen Stilwandel ins Notizbuch. Ja, es gibt hie und da ein paar treibende Basslinien (beim titelgebenden „Medicine at Midnight“), geloopte Drums („Shame Shame“) und sogar catchy Singalong-Chöre („Making a Fire“) – aber da stecken schon noch die alten Foo Fighters dahinter.

Die sind seit dem grammyprämierten „All My Life“ (2002) ja auch mit allen härteren Wassern gewaschen, kommen generell aber weitestgehend weichgespült daher; immerhin sorgten sie mit „Learn to Fly“, Everlong“ oder „Times Like These“ für absolut zeitlose Rockhits. Mindestens eine radiotaugliche ­Single hielten selbst die jüngeren, egaleren Alben der Truppe parat.

📽️ Video | Foo Fighters - Waiting On A War (Official Video)

Das darf man auch von „Medicine at Midnight“ erwarten. Das bereits veröffentlichte „Waiting on a War“ hat etwas von der Größe eines „Best of You“ (2005) und entstand als Antwort auf die Ängste von Grohls Tochter, es könnte vielleicht doch bald einen Krieg geben.

Noch ernsthafter wird es im Album nicht mehr. Grohl wollte mit „Medicine at Midnight“ eine lockere Platte veröffentlichen. Das ist ihm gelungen. Der funkigere Groove bei „Shame Shame“, „Medicine at Midnight“ tut gut, bei „Cloudspotter“ und „Holding Poison“ nickt der Kopf sanft mit. Beim kitschigen „Chasing Birds“ fummelt die Hand von selbst nach dem Feuerzeug. Und „Love Dies Young“, ein Corporate-Rock-Song, wie er im Buche steht, beschließt die bisher kürzeste LP der Fighters nach intensiven 38 Minuten.

„Medicine at Midnight“ will den in die eigenen vier Wände zurückgedrängten Festivalgängern Stadionmusik einimpfen. Auf dass die geschundene Live-Musik-Seele heile. Alle anderen interessiert diese Art von Gitarrenmusik eh nicht mehr. Jetzt muss nur noch das mit dem Festivalsommer gelingen.

Rock Foo Fighters: Medicine at Midnight. RCA/Sony Music.


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