„Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten“: Mit stolzem Trotz

Der Innsbrucker Autor Bernd Schuchter erzählt in „Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten“ von einem Künstler, der wider besseren Wissens das Richtige tat.

Abgrundtief schön, aber verloren: Gustave Courbets Selbstporträt „Der Verzweifelte“, 1841.
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Innsbruck – Der Traum von einer besseren Welt währte nur wenige Tage. Die Revolt­e wurde niedergeschlagen. Schuldige mussten her, Anstifter, Sündenböcke. Gustave Courbet (1819–1877) bot sich an. Der Maler war der Macht schon vor den in blutigem Tumult endenden Tagen der Pariser Kommune (1871), die sich heuer zum 150. Mal jähren, ein Stachel im gut genährten Fleisch. Courbet konnte nicht anders. Und er wollte nicht anders. Er eckte an – und wurde als einer, der aneckt, gleichermaßen berühmt wie berüchtigt. Der Maler Courbet wurde skandalisiert. Und er nützte die Sehnsucht nach Skandalen, stellte – seinem Zeitgenossen Baudelair­e nicht unähnlich – seine Unangepasstheit aus. Und seinen Glauben an eine Kunst, an seine Kunst, die mehr sein sollte als schmückende­s Zugeständnis an die, die das Sagen haben.

Sein Engagement für die Kommunarden und deren proletarische Kurzzeit-Republik wurde Courbet zum Verhängnis. Und sein Wissen um die Macht der Bilder. Er regt­e an, die Vendôme-Säule – steingewordenes Symbol napoleonischer Größe – abtragen zu lassen. Nachdem die Revolte im Blut ertränkt wurd­e, wurde ihm dafür der Prozess gemacht. Sechs Monate saß Courbet ein, dann flüchtet er ins Schweizer Exil. Sein Besitz wurde beschlagnahmt, seine Kontakte wurden überwacht. Gustave Courbet starb mittellos, ja hochverschuldet. Er hätt­e die Wiederherstellung der Triumph-Säule aus eigener Tasche bezahlen sollen.

In seinem neuen Buch „Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten“ erzählt der Innsbrucker Schriftsteller Bernd Schuchter die Geschichte dieses Malers, der den Realismus begründete – und von der großen Geschichte überrollt wurde. Nicht von ungefähr erinnert Schuchters Text an die historischen Miniaturen in Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. Und an die Arbeiten des französischen Verknappungskünstlers Éric Vuillard. Auch Schuchter erzählt lakonisch-knapp und ungeschönt anschaulich von großen und kleinen Tragödie­n. Auch sein Buch stellt, auf gerade einmal 130 Seiten, die Schubladendenker des Literaturmarktes vor Herausforderungen: Künstlerroman? Essay? Dokumentarische Erzählung? Who cares? „Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten“ ist fein komponiert. Und durchwegs spannend. Auch und gerade für Nichthistoriker wird das unbarmherzige Räderwerk historischer Prozesse begreifbar.

Für sein Buch hat Bernd Schuchter intensiv recherchiert. Beinahe alles, was geschildert wird, lässt sich belegen. Und selbst wo die Belege fehlen, bleibt die Erzählung plausibel. Sein Courbet ist kein tragischer Held, sondern ein vom eigenen Anspruch Getriebener. Er nutzt aus. Und er wird ausgenutzt. Er säuft und raucht, hält große Reden – und ist nicht nur insgeheim ziemlich stolz darauf. Vor allem aber verzweifelt er an dem, was er sieht: die Prunksucht der Begüterten und das Elend derer, die dafür schuften. Courbet glaubt an die Möglichkeit einer gerechteren Welt. Und er weiß um die Notwendigkeit, der Veränderung zuzuarbeiten. Als Künstler und als politischer Mensch. Trennen lässt sich das sowieso nicht. Courbets Bilder – mehrere, etwa sein berühmtes „Das Atelier des Künstlers“, werden detailliert be-, nein, erschrieben – sind politisch. Auch seine Selbstbildnisse. Gerade seine Selbstbildnisse. Ein solches – „Der Verzweifelt­e“, das 1841, also Jahrzehnte vor den Tagen der Kommune entstand – ist auch auf dem Umschlag des Buches abgebildet. Es bietet sich als Schlüssel für den Text an: ein Bild des Künstlers als junger Mann, eitel und schonungslos ehrlich zugleich. Es zeigt ein Individuum, das verwegen und selbstbewusst genug ist, „ich“ zu sagen – und doch nicht agieren, sondern nur noch reagieren kann. Recht viel moderner wurde es auch in der Modern­e nie. „Abgrundtief schön. Aber verloren“ schreibt Bernd Schuchter über das Bild. Für sein Buch gilt im Grund das Gleiche: eine abgrundtief schöne Erzählung von einem, der wusste, dass er verlieren wird – und die Herausforderung mit stolzem Trotz annahm. (jole)

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Essay: Bernd Schuchter: Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten. Braumüller, 130 S., 18 Euro.


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