Schwazer Teestube: Ein Ort, der die Seele wärmt

Die Schwazer Teestube ist mehr als ein Zufluchtsort für Obdachlose. Dort wird jedem geholfen – egal mit welchen Problemen im Gepäck. Ein Vorzeigeprojekt für andere Bezirke.

Die Tertiarschwestern stellen der Schwazer Teestube im Herzen der Stadt ihre Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Tür ist immer offen.
© Eva-Maria Fankhauser

Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz – Petra Witting hat es sich auf einem Stuhl gemütlich gemacht. Die Frau ihr gegenüber wärmt sich die Hände an einer Tasse Tee. Witting hört ihr zu. In ihrem Blick liegt Verständni­s, aber auch Traurigkeit, denn ihr Gegenüber erzählt ihr von Gewalt, Sucht, dem Abrutschen in ein Leben, das man so nie wollte. Ohne Geld, ohne Dach überm Kopf, ohne Zukunft. Stundenlang hört Witting einfach nur zu. Sie ist da. Für jemanden, der niemanden mehr hat.

Petra Witting ist die Geschäftsführerin der Schwazer Teestube. Gemeinsam mit ihren Kollegen gibt sie anderen Menschen nicht nur die Möglichkeit, sich vor Ort aufzuwärmen. Dieses Team leistet noch viel mehr: Der Verein Teestube initiierte das Projekt „Schranken-los“ mit Jugendwarteraum am Schwazer Bahnhof, es gibt betreutes Wohnen, Frauenberatung, Hilfe bei Behördengängen. Es kann dort aber auch Wäsche gewaschen werden, es gibt warme Mahlzeiten und professionelle Beratung in allen Notlagen. „Besonders gut wird auch unser offener Kommunikationsraum angenommen“, sagt Witting. Das sei etwas, was die Schwazer Teestube wohl auch von anderen abhebt: Es ist nicht die klassische Obdachlosen-Einrichtung, sondern ein Ort der Wärme, der Zuflucht und des Miteinanders. „Es hat hier schon etwas Familiäres, man schaut aufeinander, hier hilft jeder jedem. Es kommt auch mal die Nachbarin auf einen Ratscher vorbei“, erzählt sie.

Etwa jeden zweiten bis dritten Tag klopft ein neues Gesicht an die Tür. Bei rund 6000 Kontakten pro Jahr versuchen die Mitarbeiter der Schwazer Teestube zu helfen, wo sie nur können. Einmal pro Woche hat auch die Zweigstelle in Ried im Zillertal mit einer Sozial­beratung geöffnet. „Ein­e plötzliche Not kann jeden treffen. Dazu nach Schwaz zu fahren, ist aber nicht immer einfach“, erklärt Witting. Das Angebot müsse stets niederschwellig gehalten werden.

Es hat etwas Familiäres, man schaut aufeinander, hier hilft jeder jedem.
Petra Witting (GF Teestube Schwaz)

Seit dem Ausbruch der Pandemie ist die Arbeit in der Teestube nicht einfacher geworden. Vor allem wurde plötzlich in Bereichen um Hilfe gebeten, die vorher kaum Thema waren, wie etwa Digitalisierung. „Es hat nicht jeder einen Scanner oder Drucker zu Hause und vieles musste digital erledigt werden“, sagt Witting. Aber auch die Belastung durchs Home-Schooling sei groß. „Wenn man drei Kinder unterschiedlicher Schulstufen in einem Zimmer sitzen hat, kann es auf Dauer echt schwierig werden. Während andere wiederum völlig isoliert wurden“, beschreibt Witting. Gleich geblieben sei hingegen die Wohnungsnot. Während früher innerhalb von sechs Monaten für in Not Geratene eine Wohnung gefunden wurde, dauert es nun oft bis zu drei Jahre. Die Übergangswohnungen sind überfüllt.

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Die Zahl der Suchtberatungen ist im Vorjahr nicht angestiegen, ganz im Gegensatz zur höheren psychischen Belastung. „Da kann man allein mit einem offenen Ohr, indem man da ist, viel abfangen“, sagt Witting. Daher sei gerade der offene Kommunikationsraum Gold wert. „Da hat uns schon das Herz geblutet, als wir den einige Zeit wegen Corona schließen mussten“, sagt sie. Mittlerweile ist er wieder offen und mit allen Sicherheitsmaßnahmen gut besucht.

Für die Schwazer Sozialreferentin und VBM Victoria Weber ist die Teestube samt Verein ein Vorzeigeprojekt. „Es wäre wichtiger denn je, dass das Land Geld in die Hand nimmt und in allen Bezirken eine Anlaufstelle wie diese ermöglicht“, sagt Weber, denn die Fördermittel der Stadt alleine seien nicht genug. „Der Charakter der Teestube ist vielfältig und ich glaube, dass man hier auch viel vorbeugend bewirken kann“, sagt sie. Erste Gespräche mit Sozial­landesrätin Gabriele Fischer habe es bereits gegeben.


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