Ein Tiroler Märchen in Silber: Baumann jetzt Geheimfavorit für die Abfahrt

0,07 Sekunden fehlten Romed Baumann gestern auf WM-Gold im Super-G. Silber nimmt der für Deutschland startende Tiroler aber gerne mit – als Geheimfavorit für die Abfahrt.

Acht Jahre nach WM-Bronze in der Kombination von Schladming holte sich der 35-jährige Exil-Tiroler Romed Baumann beim Super-G in Cortina WM-Silber.
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Von Roman Stelzl

Cortina d’Ampezzo – Es kommt so gut wie nie vor, dass Vincent Kriechmayr im Zielraum sein Kapperl abnimmt. Schon alleine wegen dem Sponsorenlogo. Aber bei Romed Baumann macht der Super-G-Weltmeister mit großer Geste eine Ausnahme. „Ich ziehe meinen Hut vor Romed“, sagt Kriechmayr und würdigt den für Deutschland startenden Tiroler als einen guten Freund: „Es freut mich sehr für ihn. Für Österreich war Romed eine Zeit lang der Buhmann, musste viel Kritik über Social Media einstecken, die nicht gerechtfertigt war. Das ist große Genugtuung für ihn.“

Dabei kam der 35-jährige Hochfilzner dem ehemaligen Teamkollegen bis auf sieben Hundertstel nahe. Doch der Rückstand kümmerte wenig, stand doch nach WM-Bronze 2013 (Kombination) die zweite Einzel-WM-Medaille zu Buche – und damit jener Podestplatz, den sich der in Kiefersfelden lebende Doppelstaatsbürger so lange vorgenommen hatte. „Es ist heute alles so locker von der Hand gegangen. Es ist unglaublich“, meinte der zweifache Familienvater, der Rang zwei als Sieg feierte.

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Es ist ein kleines Märchen, das seit Monaten um Kapitel und Kapitel reicher wird und nun sein bisher bestes Stück hinzufügt. Vor zwei Jahren stand der damalige ÖSV-Läufer vor dem Aus, wagte dann anstatt dem Schritt zum Karriereende den viel belächelten ins Ausland. Der mit einer Deutschen verheiratete Weltcupsieger war den Druck im österreichischen Team los – und konnte sich in Deutschland frei entfalten.

„Ich habe mich gleich wohlgefühlt und hatte dort den Luxus, dass ich nicht um Startplätze kämpfen musste“, sagte Baumann und merkte vielsagend an: „Einige Kollegen haben mir gesagt, dass sie den Schritt selbst gerne gemacht hätten.“ Am Ende war dieser Weg aber freilich nur ihm vorbestimmt. Und dass der so steil bergauf gehen würde, überraschte auch den Protagonisten selbst: „Ich war sportlich gesehen ganz unten. Jetzt bin ich fast ganz oben.“

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Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Und das schon bald. Denn für die Abfahrt am Sonntag ist der Tiroler nun mehr als nur ein Geheimfavorit. „Das sind genau seine Bedingungen, im Schleichen war er bei uns im Training immer der Schnellste“, meinte Kriechmayr. Mit „Schleichen“ ist das Gleiten gemeint, und das ist gerade auf der neuen „Vertigine bianca“-Strecke ein ganz großes Kriterium.

Die Rückendeckung für solche Projekte stimmt im deutschen Team. Und genau das dürfte der Erfolgsfaktor sein. „Romed hat im deutschen Team eine Ruhe, die er bei uns durch den Quali-Druck nicht hatte. Da konnte er sich besser entwickeln“, sagt ÖSV-Rennsportleiter Andreas Puelacher. Und DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier stimmt zu: „Ich war damals nicht begeistert, dass ich einen 33-Jährigen übernehmen soll. Vor allem mit der Lästerei aus Österreich. Aber Romed wurde bei uns zu einer Figur, an die man sich anlehnen kann. Ihm hat immer der soziale Aspekt gefehlt. Den gibt es bei uns.“


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