Endzeitstimmung in Graz beim VR-Brillenprojekt „Krasnojarsk“

Theater mit Virtual-Reality-Brille für zuhause bietet das Grazer Schauspielhaus mit „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360 Grad“ an. Die Zuschauer bekommen das Equipment nach Hause geliefert und können sich die düstere Endzeitversion von Johan Harstad anschauen oder vielmehr rundum erleben, denn der Betrachter steht durch die 360-Grad-Technik mitten im Geschehen, das von ungemein intensiven Darstellern getragen wird.

Der Theaterabend beginnt an der eigenen Wohnungstür, wenn ein Fahrradkurier die VR-Brille vorbeibringt. Dann sollte man es sich in einem Drehsessel bequem machen, um alle Effekte erleben zu können. Die Bedienung ist einfach, das Stück ist es nicht, sondern hinterlässt ein flaues Gefühl - auch ohne dass man permanent mit dem Sessel kreiselt (wobei die Versuchung anfangs groß ist).

Das Schauspielhaus hat dem Text einen trostlos-packenden Rahmen verpasst, die Aufnahmen aus dem Burgenland oder auch der steirischen Weizklamm könnten genauso gut aus Sibirien stammen. Wobei der Ort keine Rolle spielt, ausschlaggebend ist die Situation, in der sich der Anthropologe (prägnant: Nico Link) befindet. Es hat offenbar eine große Naturkatastrophe gegeben, die Zivilisation ist fast vollständig vernichtet. Der Forscher, der unterwegs ist, um Reste von Leben zu finden, trifft eine junge Frau (geheimnisvoll und vielschichtig: Katrija Lehmann). Die beiden entdecken im jeweils anderen Spuren ihres früheren Daseins und klammern sich daran, ob es nun ums Reden geht oder um Musik, alles wurde zum fast unerreichbaren Luxus.

Auf einer anderen Ebene findet ein gelangweiltes Leben in einer eleganten Wohnung statt, in der sich die beiden als Paar nichts zu sagen haben. Der Mann flüchtet aus der Fiktion in eine andere Fiktion und sieht sich als Bauer mit einer Schar Kinder in einer einfachen Hütte. Doch die Realität macht sämtlichen Lebensformen der beiden ein Ende, als sie in ihrer Scheune in der sibirischen Einöde entdeckt werden. Was bleibt, ist eine neue Fiktion - eine alte Welt oder eine ganz neue, wie immer man das sehen möchte.

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Die filmische Umsetzung ist beeindruckend gelungen, über weite Strecken unterstreichen die Schwarz-Weiß-Bilder die Eintönigkeit des Lebens und der Landschaft. Kontrastiert werden sie von bunten Einschüben wie die Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg, die rotglühend erscheint. Faszinierend auch die Wassermassen, die über den Besucher bildlich hereinbrechen, während er im Grazer Schauspielhaus sitzt.

Unter der Regie von Tom Feichtinger wirken Nico Link und Katrija Lehmann überzeugend in einer technisch ausgefeilten Umgebung. Dieses Projekt beweist, dass durch die coronabedingten Einschränkungen auch spannende neue Wege aufgezeigt werden - und dass das Herz jeder Produktion letztlich die Schauspielerinnen und Schauspieler sind.

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