Simonischek im Interview: „Ich war ein lausiger Schüler“

Der 74-jährige Schauspieler Peter Simonischek spricht über seine Aufträge, Wünsche und darüber, warum er sich bei der Matura schwergetan hat.

Sehr gefragt, auch in der für Künstler sehr schwierigen Corona-Pandemie: Schauspieler Peter Simonischek.
© imago images/Future Image

Wien – Trotz Corona: Für Österreichs Parade-Schauspieler Peter Simonischek (74) stehen die Sterne momentan recht günstig. Am Burgtheater probt er für Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ (Premiere je nach den Gegebenheiten). An der Seite von Senta Berger wird er – anlässlich ihres 80. Geburtstages – im TV-Film „An seiner Seite“ zu sehen sein. Sein Kinofilm „Crescendo“ ist nun als DVD auf den Markt gekommen. Und vor allem: Hollywood hat gerufen!

Sie sind erst kürzlich aus England zurückgekommen, wo sie in den Studios des Hollywood-Giganten Warner Bros. bei Watford für den dritten Teil von J. K. Rowlings „Phantastische Tierwesen“ vor der Kamera standen. Wie ist die Produktionsfirma auf Sie aufmerksam geworden?

Peter Simonischek: Ich glaube, das ist noch immer eine Folge des Films „Toni Erdmann“. Jedenfalls kam die Anfrage über meine Agentur schon vor etwas mehr als einem Jahr. Ob ich Lust hätte, in diesem 200-Millionen-Dollar-Projekt der Spin-off-Reihe von Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling mitzuwirken. Das ist bekanntlich jener Film, aus dem Johnny Depp rausgeschmissen wurde.

Welche Rolle sollten Sie übernehmen?

Simonischek: Die eines verschrobenen Gefängniswächters, ein Typ wie bei Kafka. Dieser Wächter haust schon sein Leben lang an dieser Stätte, er ist faktisch dort aufgewachsen. Für mich allein schon deswegen eine große Herausforderung, weil ich noch nie in einer so riesigen teil-animierten Produktion mitgewirkt habe.

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Wie ist es von da an gelaufen?

Simonischek: Probeaufnahmen in Kostüm und Maske, dann erhielt ich ein paar Seiten Text, wo ich einige Worte und Sätze nicht ganz verstand, weil ich die Bücher nicht kannte. Das ließ ich mir halt erklären und übersetzen. Dann wurde ich, wegen der Corona-Umstände, um ein E-Casting gebeten, also um ein elektronisches Casting.

Und?

Simonischek: Das wollte ich mit meinem Sohn Kaspar machen, doch der hatte Terminprobleme. Also wandte ich mich an meinen alten Schulkameraden Klaus Peters, der seinerzeit ein ebenso lausiger Schüler wie ich war. Beide haben wir die Mathe-Matura erst im Herbst bestanden, aber in Englisch war Klaus supergut. Er, Fachmann auf diesem Gebiet, hat dann das Casting-Video mit mir gedreht. Wir haben eine Flasche Wein aufgemacht, seine Frau servierte einen Imbiss, und schon konnte es losgehen. Zwei Tage später kam die Verständigung: alles bestens.

Regie bei den „Phantastischen Tierwesen“ führt David Yates, der auch für die letzten vier „Harry Potter“-Filme verantwortlich zeichnete. Wie arbeitet es sich mit einem solchen Mann?

Simonischek: Zunächst habe ich mich sehr darüber gefreut, dass er mir eine Weihnachtskarte schickte. Für mich ein Hinweis, dass er mich wirklich wollte und sich auf den Dreh mit mir freute. Und dann erlebte ich die ganze Zeit, wie ein solcher Kapazunder arbeitet.

Was hat Sie so beeindruckt?

Simonischek: Ein Mann, der fähig ist, Riesendimensionen zu überschauen, sich mit Ruhe und Gelassenheit in einem so komplizierten Projekt um jedes Detail zu kümmern, um das Geschehen lebendig zu machen. Und im nächsten Moment an den darauffolgenden Schauplatz mit ganz vielen Leuten am Set zu wechseln und die Arbeit dort genauso souverän zu erledigen. Die hatten in den Warner-Studios ja 14 Schauplätze aufgebaut. Und ein besonderes Vergnügen war es natürlich, mit Kollegen wie Oscar-Preisträger Eddie Redmayne und Mads Mikkelsen zu arbeiten. Ein eigenes Kapitel war das Hotel, in dem ich logierte.

Inwiefern?

Simonischek: Es hieß „The Grove“. Das tollste Hotel, in dem ich je war, und ich war schon in vielen. Liegt in Studio-Nähe auf einem riesigen englischen Landsitz, mitten auf einem Golfplatz, und rundum findet man Zedern und Pinien, doppelt so hoch wie das Haus, das wegen Corona fast leer war. Bei meiner Ankunft war noch Schönwetter, vor der Abreise hatten wir jedoch starken Schneefall. Die Limousine, die mich zum Airport abholen sollte, kam gar nicht rein. Gott sei Dank schaffte es der Rezeptionist, mein Gepäck und mich mit einem Golf-Buggy zwei Kilometer weit bis zur Landstraße zu bringen, wo das Auto wartete.

Wann wird der Film bei uns zu sehen sein?

Simonischek: So viel ich gehört habe, erst nächstes Jahr.

Schon im Mai werden wir Sie neben Senta Berger in deren Geburtstagsfilm „An seiner Seite“ auf den Bildschirmen sehen.

Simonischek: Da bin ich ein Dirigent, und sie ist seine Ehefrau, die faktisch ihr ganzes Leben für ihn und seine Karriere geopfert hat. Eines Tages kommt aber das Resümee, die Stunde der Wahrheit. Mir kam diese Aufgabe auch insofern gelegen, als ich zuvor im Kinofilm „Crescendo“ ebenfalls einen Dirigenten gespielt hatte. Dafür war ich in New York, Newark und Boston gewesen.

Wie hat sich das Dirigieren angefühlt?

Simonischek: Natürlich wird man von einem echten Dirigenten vorbereitet. Mittels Videoaufnahmen lernt man so viel wie möglich auswendig, und beim Dreh steht ebenfalls ein Dirigent hinter der Kamera. Wenn man die entsprechenden Szenen ein paar Mal ­hintereinander macht, geht es recht gut.

Am Burgtheater üben Sie für „Kinder der Sonne“. Kennen Sie einen Premierentermin?

Simonischek: Das hängt ganz davon ab, wie sich die Corona-Dinge weiterentwickeln. Jedenfalls eine spannende Arbeit unter Simon Stone mit sehr aktuellen Bezügen, denn Gorki thematisiert hier den Choleraaufstand von 1892. Die von den Herrschaften in Unwissenheit gehaltene Bevölkerung sucht die Schuld an der Epidemie in der Geldgeilheit der Ärzte. Was die Bühne betrifft, liegt mir eine Sache noch besonders am Herzen.

Welche denn?

Simonischek: Im Vorjahr habe ich mit meiner Frau Brigitte Karner im Steudltenn im Zillertal die Uraufführung von „Auf dem Schlachthof“ geschafft. Da stehen eine Kuh und ein Stier gerade in der Schlange vor dem Schlachthof, es entwickelt sich sozusagen Liebe auf den letzten Metern. Wir beide freuen uns schon riesig, das endlich landauf, landab spielen zu können.

Das Gespräch führte Ludwig Heinrich


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