Ngozi Okonjo-Iweala wird neue WTO-Chefin

Erstmals steht eine Frau an die Spitze der Welthandelsorganisation (WTO), Okonjo-Iweala ist Spezialistin für Entwicklungsfragen.

Ngozi Okonjo-Iweala übernimmt die Welthandelsorganisation WTO in ihrer schwersten Krise.
© imago stock&people

Genf – Die Welthandelsorganisation (WTO) ernannte gestern die nigerianische Ökonomin und Entwicklungsexpertin Ngozi Okonjo-Iweala zur Generaldirektorin. Die Entscheidung der 164 Mitgliedsländer fiel am Montag bei einer Online-Sitzung der WTO-Botschafter in Genf einstimmig. Die 66-Jährige tritt ihr Amt am 1. März an. Damit steht erstmals eine Frau und erstmals jemand vom afrikanischen Kontinent an der Spitze der WTO. Als einziges Land hatten sich die USA unter Präsident Donald Trump im Oktober gegen ihre Ernennung gestellt. Die neue US-Regierung unter Präsident Joe Biden hob die Blockade vergangene Woche auf und sprach Okonjo-Iweala ihr Vertrauen aus. Sie hatte sich in einem mehrmonatigen Auswahlprozess gegen Mitbewerber durchgesetzt.

WTO in schwerster Krise seit 1995

Okonjo-Iweala wird die Leitung der WTO in deren schwerster Krise seit der Gründung 1995 übernehmen. Die USA blockieren seit Jahren die Ernennung neuer Berufungsrichter. Seit Ende 2019 können deshalb keine Berufungen mehr verhandelt werden. Washington und Peking waren in den vergangenen vier Jahren in Genf ununterbrochen in Grabenkämpfe verwickelt: Sie legten die über 800-köpfige Behörde praktisch lahm. Die Kritik an der Handhabe der Berufungsrichter begann schon unter Präsident Barack Obama.

Okonjo-Iweala war 25 Jahre lang bei der Weltbank in Washington, die Entwicklungs- und Aufbauprojekte in ärmeren Ländern finanziert. Sie war zweimal Finanzministerin und kurz Außenministerin ihres Heimatlandes. Zuletzt leitete sie den Verwaltungsrat der internationalen Impfinitiative GAVI, die zurzeit die faire Verteilung der Corona-Impfstoffe weltweit koordinieren soll. Sie folgt auf Roberto Azevêdo, der seinen Posten im Sommer 2020 vorzeitig geräumt hatte. „Ich möchte die Organisation neu beleben“, sagte Okonjo-Iweala bei der Bewerbung um den Posten. Okonjo-Iweala sieht Handel nach eigenen Angaben als Motor für Wohlstand, Widerstandskraft und nachhaltiges Wachstum. Ihr Motto: Ärmel hochkrempeln und anpacken. So führte sie als Nummer zwei die Weltbank, wo sie in der Finanzkrise 2009 kurzfristig Programme für die ärmsten Länder auflegte. So stieg sie als Finanzministerin in den Ring gegen die Korruption in Nigeria. Als ihre Mutter entführt wurde, um sie zum Rücktritt zu zwingen, zuckte sie nicht mit der Wimper. Die Mutter kam frei.

Die Professorentochter wurde von den Zeitschriften Time, Forbes und anderen in den vergangenen zehn Jahren mehrmals unter den 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgeführt. Sie hat in den USA an den Elite-Universitäten Harvard und MIT Wirtschaftswissenschaften und Entwicklungsökonomie studiert und dort promoviert.

Um in der schwierigen Situation zu vermitteln, sei politisches Geschick gefragt, meinte die Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, Lisandra Flach zur Bestellung. Diese zentrale Eigenschaft bringe Frau Okonjo-Iweala mit. (APA, TT)


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