Hermann Glettlers „wasted lives“: Verschwendete Leben im Fokus

Keine Predigt, sondern ein Kunstprojekt: Hermann Glettlers „wasted lives“ im Innsbrucker artdepot.

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Aufforderung zum genauen Hinschauen: ein Beispiel aus Hermann Glettlers Zyklus „wasted lives“.
© artdepot

Von Edith Schlocker

Innsbruck – „Natürlich bin ich der Innsbrucker Bischof, aber ich bin auch Künstler“, sagt Hermann Glettler. Und die Ausstellung „wasted lives“ sei auch keine Predigt, sondern ein Kunstprojekt. Entstanden aus seiner tiefen Betroffenheit angesichts der humanitären Katastrophe, die er Anfang Dezember bei einem Besuch des Flüchtlingslagers Kara Tepe II auf der griechischen Insel Lesbos erlebt hat. Inklusive der Gefühle absoluter Hilflosigkeit und Wut gegenüber der hier von der Politik praktizierten „Abschreckungspolitik“. Ausgetragen auf dem Rücken von Menschen, die voller Hoffnung aus ihrer von Krieg oder Not zerrütteten Heimat aufgebrochen seien, um an den Grenzen Europas kläglich zu stranden, so der Bischof.

Die Bilder brennender Lager, im Schnee versinkender Zelte und unvorstellbarer sanitärer Zustände kennt jeder aus den Medien. Die Fotos, die Glettler aus Lesbos mitgebracht hat, sind allerdings grundsätzlich anders. Der voyeuristische Blick ist hier ausgeblendet, die Bilder sind menschenleer, fokussiert auf die Gräber derer, die die Strapazen von Flucht oder Lagerleben nicht überlebt haben. Begraben abseits des regulären orthodoxen Friedhofs auf einem öden Feld unter kleinen Erdwällen, die teilweise mit weißen Tüchern bedeckt oder rührend naiv geschmückt sind. Kleine Namenstafeln erinnern an das Baby, das nur einen Monat alt geworden ist, oder den aus dem Senegal aufgebrochenen Adam.

Glettlers Blick ist ein polarer. Ein Teil der auf große Platten geprinteten Fotos kommt wie durch ein Fernglas fokussiert im Zentrum gestochen scharf daher, während bei den anderen gerade dieses Zentrum diffus verschwimmt. Vom Künstler einmal gedacht als Appell zum ganz genauen Hinschauen, während die Unschärfen als Botschaften gedacht sind, die der Betrachter für sich im Kopf generieren muss. Bewusst angelegt als Bilder, die nicht mit Betroffenheitskitsch kokettieren, sondern durch subtile Botschaften berühren. Um trotz aller Tristesse letztlich Hoffnung zu suggerieren, indem die Natur zaghaft beginnt, das Gräberfeld zurückzuerobern, das Leben also letztlich den Tod besiegt.

Cutouts sind ein künstlerisches Stilmittel, mit dem Hermann Glettler seit Langem arbeitet. Auch bei den aktuellen anonymen Videos aus Lesbos, projiziert auf eine Leinwand, in dessen Zentrum ein kreisrundes Loch klafft.

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Info

artdepot. Riesengasse 8, Innsbruck; bis 6. März, Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 10–17 Uhr. Heute ab 11 Uhr Soft-Opening mit Musik von Bertl Mütter zu jeder vollen Stunde.


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