An der Innpromenade: Ein rostiges Mahnmal und seine Erinnerung

Seit 27 Jahren steht an der Innsbrucker Innpromenade ein Denkmal aus Stahl. Vereine erinnern an ein Verbrechen, das sich wieder jährt.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1994 verprügelten zwei Jugendliche den wohnungslosen Wolfgang Tschernutter beim Hallenbad Höttinger Au mit einem Vierkantholz. Kurze Zeit später starb der Obdachlose an den Folgen. Das Mahnmal soll an die schreckliche Tat erinnern.
© Rudy de Moor

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – Viele gehen täglich daran vorbei. Kaum jemand nimmt es wahr. Es ist das rostige Stahl-Gebilde an der Innpromenade hinter der Universität Innsbruck. Die Geschichte um den Menschen und das Verbrechen dahinter sind heute weitgehend vergessen. Doch vor 27 Jahren erschütterte das Ereignis viele im Land. „Es war ein Schock für uns alle“, erinnert sich Peter Grüner vom Verein DOWAS (Durchgangsort für Wohnungs- und Arbeitssuchende).

In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1994 verprügelten zwei Jugendliche den wohnungslosen Wolfgang Tschernutter beim Hallenbad Höttinger Au mit einem Vierkantholz. Kurze Zeit später starb der Obdachlose an den Folgen. Er war Ende 30. Einer der Täter stand rechtsextremem Gedankengut nahe. Beide wurden zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

„Nicht zur Tagesordnung übergehen"

Grüner war damals schon Sozialarbeiter bei DOWAS in Innsbruck. Der Mord an Tschernutter sei ein heftiger Einschnitt gewesen. „Es war klar, dass man etwas machen muss und nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann“, sagt er im Interview.

So setzten sich mehrere Sozialeinrichtungen für ein Denkmal ein. Der Kramsacher Künstler Alois Schild schuf ein „Mahnmal gegen den industriellen Umgang mit Minderheiten“. Die Initiatoren stellten es vor der Annasäule in der Maria-Theresien-Straße auf. „Es sollte einen zentralen, öffentlichen Platz haben und nicht verdrängt werden wie jene, denen es gewidmet ist“, so Grüner. Die Stadt Innsbruck untersagte dies aber und „entsorgte“ es für kurze Zeit auf dem städtischen Bauhof in der Reichenau. Für den Künstler Alois Schild umso problematischer, da in der Zeit des Nationalsozialismus in der Nähe des Recyclinghofes das Gestapo-Lager war. Dort fanden über hundert Menschen den Tod. Im Dezember 1994 wurde das Stahl-Kunstwerk schließlich auf die Franz-Gschnitzer-Promenade hinter dem Hauptgebäude der Universität Innsbruck verlegt.

Mahnung gegen Ausgrenzung

Die Botschaft gegen den „industriellen Umgang mit Minderheiten“ beziehe sich nicht nur auf die Ausgrenzung von Wohungslosen, sondern auch auf unsere Arbeitswelt und die Geschichte des Nationalsozialismus, so Schild. Einerseits zähl­e in unserer Gesellschaft oft nur die Leistung. „Der Druck fährt über die Menschen drüber“, sagt der Bildhauer. Wer nicht mithalten könne, werde verdrängt. Andererseits erinnert er an den industriellen Massenmord in den Konzentrationslagern. Der Jahrestag der Ermordung sei für Grüner ein Anlass, der Erinnerung neues Leben einzuhauchen. Es dürfe „kein rostiges Ding aus der Vergangenheit“ sein. Es hat 2021 nichts an Gültigkeit verloren, so Grüner. Im Gegenteil: Durch die Corona-Krise verschärfte sich die Wohnungslosigkeit mehr.Die Botschaft gegen den „industriellen Umgang mit Minderheiten“ beziehe sich nicht nur auf die Ausgrenzung von Wohungslosen, sondern auch auf unsere Arbeitswelt und die Geschichte des Nationalsozialismus, so Schild im Telefon-Gespräch. Einerseits zähle in unserer Gesellschaft oft nur die Leistung. „Der Druck fährt über die Menschen drüber“, sagt der Bildhauer. Wer nicht mithalten kann, werde verdrängt. Andererseits erinnert er an den industriellen Massenmord in den Konzentrationslagern der NS-Zeit. Die Pyramide sollte ihm zufolge eine überdimensionale Grabstätte sein. Mit den Inschriften „Mama“ und „Papa“ wollte er den Mensch hinter dem Schicksal hervorheben.

Gedenkveranstaltung:

Am Freitag, den 26. Februar, findet um 18 Uhr anlässlich des Jahrestages am Innsbrucker Marktplatz eine Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremen Gedankenguts statt.

-> Link zur Veranstaltung

Für Peter Grüner vom DOWAS habe die Bedeutung im Jahr 2021 nichts an Gültigkeit verloren. Im Gegenteil: Durch die Corona-Krise verschärfte sich die Wohnungslosigkeit umso mehr. Die Klienten hätten oft nicht einmal eine Meldeadresse und somit auch eingeschränkte Bürgerrechte, wie zum Beispiel kein Wahlrecht. Und ohne die „eigenen vier Wände“ gibt es für Betroffene kaum Schutz vor dem Virus. Nicht zuletzt standen viele mit dem Einbruch des Tourismus schlagartig ohne Unterkunft da.

Der Jahrestag der Ermordung von Wolfgang Tschernutter sei für Grüner ein Anlass, der Erinnerung und dem Mahnmal neues Leben einzuhauchen. Denn 27 Jahre danach dürfe es „kein rostiges Ding aus der Vergangenheit“ sein und als Zeichen gegen die Ausgrenzung von Minderheiten nicht vergessen werden.


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