Im Sog des ersten Satzes: Neuer Roman von Benedict Wells

Harte Lebensschule in tiefer Provinz: „Hard Land“, der neue Roman von Benedict Wells.

Benedict Wells wurde als Benedict von Schirach geboren.
© Roger Eberhard

Von Markus Schramek

Innsbruck – Der einleitende Satz eines Romans bedeutet nicht alles. Zum Appetizer und Aufmerksamkeitserreger sollte er aber schon taugen. Benedict Wells geht in seinem neuen Roman „Hard Land“ jedenfalls auf Nummer sicher. Er nimmt Anleihe bei US-Autor Charles Simmons (1924–2017). Der New Yorker zog 1998 die geneigte Leserschaft mit folgenden famous first words ansatzlos hinein in seinen kultigen Roman „Salt Water“: „Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.“ Wells lässt Sam Turner, den Ich-Erzähler in „Hard Land“, kaum weniger lakonisch in dessen Story einsteigen: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Bumm-zack. Schon ist man erfasst vom düsteren Stimmungsbild der Lebensumstände des 16-jährigen Sam. Die Mutter schwer erkrankt und todgeweiht, der Vater in sich gekehrt, wortkarg und gefühlsarm. Die große Schwester weit weg. Er selbst ein schulischer Außenseiter, als Sonderling abgestempelt, verunsichert und, zu allem Überfluss, erstmals auch noch hoffnungslos verliebt. Kirstie, das It-Girl im heimatlichen Provinznest, scheint so unerreichbar wie der Alkohol hinter dem Verkaufstresen in der örtlichen Tankstelle.

Erwachsenwerden, für sich selbst entscheiden und verantwortlich sein: Das ist ein zentrales Thema bei Wells. Schon mit 19 befasste sich der Schriftsteller im Debütroman „Spinner“ ausgiebig mit der allumfassenden Plagerei einer Adoleszenz.

1984 in München geboren, wählte auch Wells bewusst seinen ganz eigenen Weg. Er stammt aus der Von-Schirach-­Dynastie, Bestsellerverfasser Ferdinand von Schirach ist sein Cousin.

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Kaum volljährig ließ Benedict jedoch seinen Nachnamen, in Anlehnung an eine Romanfigur von John Irving, amtlich in Wells ändern. Er schuf erfolgreich seine eigene Marke. Wells’ Prosa findet Beachtung und Anklang. „Vom Ende der Einsamkeit“ (2016) ragt bisher (auch in nackten Verkaufszahlen) aus dem Werkekatalog heraus.

In „Hard Land“ verlegt Wells den Schauplatz in die ländliche Provinz der USA: ins Missouri des Jahres 1985, in ein Kaff namens Grady, dem wirtschaftlich der Kollaps droht. Im Kino des Ortes, auch dieses wird bald dichtgemacht, befindet sich Michael J. Fox auf seinem abenteuerlichen Weg „Zurück in die Zukunft“. Im Autoradio läuft working class hero Bruce Springsteen in Dauerschleife, als Hoffnungsträger wenigstens in gesungener Form.

Aber halt! Ins Triviale driftet Wells bei aller Faszination für eine Zeit, die er selbst nur vom Hörensagen kennt, nicht ab. Fein gedrechselt ist die Entwicklung von Sam vom unscheinbaren Irgendwer zum selbstbestimmten jungen Mann. Ein paar eher zufällige Freundschaften helfen ihm dabei, aus dem Schatten zu treten. Ein junger Mensch kämpft, liebt und prügelt (ja, auch das) sich frei.

J. D. Salinger hat vor 70 Jahren mit „The Catcher in the Rye“ den Standard gesetzt für die ungeschönte Schilderung jugendlichen Aufbegehrens gegen eine als feindlich empfundene Welt. „Hard Land“ fügt sich in diese Reihe ein – nicht als schreiberische Sensation, sondern als authentisches Abbild einer schwierigen Lebensphase.


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