Eine hochprozentige Geschichte über Schnaps im Wandel der Zeit

Das Gemeindemuseum in Absam spürt dem Imagewandel des Schnapstrinkens nach.

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Heute gilt Schnaps in Tirol als gefeiertes Kulturgut – doch das war nicht immer so. Lange wurde der „Branntwein“ eher dämonisiert.
© Markus Jenewein

Absam – Schnaps wird in Tirol heute als traditionsreiches Kultur­gut gefeiert und vermarktet, edle Brände dienen dem Distinktionsgewinn des Genießers. Dass diese positive Betrachtung gebrannter geistiger Getränke historisch betrachtet ein relativ neues Phänomen ist, zeigt das Gemeindemuseum Absam in einer spannenden neuen Ausgabe seines Podcasts „Museumsreif“ auf.

Unter dem Titel „Schnaps – eine hochprozentige Karriere“ lässt die Episode den Bedeutungs- und Wahrnehmungswandel vom „Fusel“ zum „Genuss für alle Sinne“ kritisch Revue passieren.

Im 19. Jahrhundert war der Blick bürgerlicher und kirchlicher Kreise auf billig und in Massen produzierten Schnaps – als Rauschmittel des aufkommenden technischen Industriezeitalters – oft von Moralisierung und Dämonisierung geprägt, zahlreiche soziale Missstände wurden ihm angelastet. Auch in Tirol, das macht die rund halbstündige Geschichtslektion deutlich, war die Ausbreitung der „Branntweinpest“ politisch immer wieder ein großes Thema. Wenn etwa ein Vertreter der Handelskammer vor dem Tiroler Landtag im späten 19. Jahrhundert beklagte, dass neben „Gewohnheitsbettlern“ und „Landstreichern“ zunehmend auch Tagelöhner, Knechte und andere Arbeiter, aber auch Bauern und Handwerker, ja „sogar Mitglieder der Gemeindevorstehungen“ von den „Schnapsbuden“ angezogen würden, sagt das viel über die sozialen Verhältnisse seiner Zeit aus. Auch das weibliche Geschlecht verfalle dem „Laster der Trunksucht“ – „und zwar mit jener Maßlosigkeit, welcher wir bei den Verirrungen des Weibes nicht selten begegnen“.

Die Linzer Historikerin Regina Thumser-Wöhs und andere Forscher führen aus, wie der Konsum von Alkohol, früher in erster Linie der Oberschicht vorbehalten, für Bauern hingegen ein seltenes Ereignis, mit sozialen Umwälzungen einherging. Der vermehrte Gebrauch günstiger stimulierender Genussmittel war auch als Reaktion auf die Monotonie langer Arbeitstage in den Fabriken zu sehen. Nachzuhören ist der Podcast (gelesen von Rainer Egger und Johann Nikolussi sowie Museumsleiter Matthias Breit, unterlegt mit Musik von Bert Breit) unter www.absammuseum.at (md)

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