Erinnerung an Nemzow-Mord und Ehrung für Nawalny in Moskau

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Sechs Jahre nach der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow hat die nach ihm benannte Stiftung den inhaftierten Kremlgegner Alexej Nawalny für seine Zivilcourage ausgezeichnet. Der 44-Jährige erhalte in diesem Jahr den Nemzow-Preis für seinen Mut bei der Verteidigung der demokratischen Werte in Russland, teilte die Stiftung am Samstag zum Jahrestag der Ermordung des früheren Vize-Regierungschefs mit.

Am Tatort, wo Nemzow am 27. Februar 2015 in Kremlnähe erschossen worden war, legten viele Menschen Blumen nieder, darunter Nawalnys Frau Julia Nawalnaja. Unter den westlichen Vertretern, die Nemzows gedachten, waren auch die Botschafter der USA, Deutschlands, Großbritanniens und der EU. US-Botschafter John Sullivan habe an die „brutale Ermordung“ Nemzows erinnert, erklärte Botschaftssprecherin Rebecca Ross im Online-Dienst Twitter. „Er bleibt eine Inspiration für viele, die nach Gerechtigkeit, Transparenz, Freiheit streben“, erklärte sie.

„Wir kommen jedes Jahr an diesem Tag hier zusammen, um den Behörden zu zeigen, dass wir nicht vergessen haben und nicht vergessen werden“, sagte der ehemalige Ministerpräsident und Oppositionspolitiker Michail Kasjanow der Nachrichtenagentur AFP. Er sei sicher, dass „das, wofür Boris gekämpft hat - Freiheit für die Russen, ihr Wohlbefinden und ein Leben in Würde - bald kommt“, ergänzte er.

Während in den vergangenen Jahren ein Gedenkmarsch im Zentrum von Moskau stattfand, zog die Opposition in diesem Jahr zum Tatort, wo eine improvisierte Gedenkstätte von den Behörden immer wieder zerstört wird. Demonstrationen sind derzeit wegen der Corona-Pandemie verboten. Laut der Nichtregierungsorganisation Weißer Zähler, die Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen angibt, hatten bis 13.30 Uhr Ortszeit (11.30 Uhr MEZ) 1250 Menschen den Anschlagsort besucht.

US-Außenminister Antony Blinken würdigte Nemzows Einsatz für ein freies und demokratisches Russland. Er kritisierte zugleich eine „wachsende Intoleranz“ gegenüber Andersdenkenden. Wer sich für Freiheit einsetze in dem Land, werde das Ziel von „Attacken und Attentaten“. „Das russische Volk hat Besseres verdient.“

Auch die von Nemzows Tochter Schanna Nemzowa in Bonn ins Leben gerufene Stiftung erinnert jährlich mit dem Preis an den Tod des Politikers. Der in einem Straflager inhaftierte Oppositionsführer Nawalny gilt für viele Menschen in Russland nach dem Tod Nemzows als neue Hoffnung für ein Ende der Präsidentschaft von Wladimir Putin. Nemzowa sagte im Interview mit dem russischen Portal snob.ru, dass das „autoritäre Regime“ in Russland immer aggressiver werde. Putin werde sich bis zum Schluss an die Macht klammern, meinte sie.

Die Nemzow-Stiftung würde den Preisträger Nawalny als „Symbol des Widerstands gegen Tyrannei in der Welt“. Und sie forderte die sofortige Freilassung des Putin-Kritikers, der im August nur knapp einen Mordanschlag mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok überlebt hatte. „Alexej Nawalny hat nicht nur unglaublichen persönlichen Mut bewiesen, sondern auch einen enormen Beitrag zur Aufdeckung von Korruption (...) geleistet.“

Der Mord an Nemzow wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Die Familie Nemzows beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. Der Politiker galt als liberaler Reformer und war in den 1990er Jahren Vize-Regierungschef. Später wurde er zur Galionsfigur der russischen Opposition. Er war ein erbitterter Kritiker Putins.


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