„Kajillionaire“ von Miranda July: Eigenwillige Familienbande

Miranda July erzählt in ihrem Film „Kajillionaire“ von einer kauzigen Trickbetrüger-Familie in Los Angeles.

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Old Dolio Dyne (gespielt von Evan Rachel Wood) und ihre Eltern Theresa (Debra Winger) und Robert (Richard Jenkins) verbiegen sich auf ihre eigene Art, um abseits der Konsumgesellschaft zu überleben.
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Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Kajillionaire” war einer der unterhaltsamsten und seltsamsten Filme der vergangenen Viennale. Nun ist der dritte Film von Miranda July ein Jahr nach seiner Sundance-Premiere sang- und klanglos am normalen Kinostart vorbei ins Streaming-Angebot gewandert. Es ist eine jener gelungenen, kleinen „Dramödien“, die das US-Independent-Kino von Zeit zu Zeit hervorbringt.

Diesmal konzentriert sich das 47-jährige Multitalent Jul­y voll auf die Regie, ohne eigene Rolle vor der Kamera wie noch bei „Me and You and Every­one We Know“ (2005) und „The Future“ (2011). Dafür hat sie nun für ihre seltsame Familiengeschichte ein formidables Darsteller-Ensemble verpflichtet, das einem von der ersten Minute an mit all seinen Eigenheiten sympathisch erscheint wie alte Bekannte aus einer 90er-Jahre-Serie.

Im Zentrum steht eine von Evan Rachel Wood gespielte schüchterne Mittzwanzigerin, die auf den kuriosen Namen Old Dolio hört. Im sonnigen Los Angeles lebt sie zusammen mit dem älteren Paar Robert (Richard Jenkins) und Theresa (Debra Winger) in einem stillgelegten Büroraum hinter einer Fabrik, in dem einmal am Tag rosa Schaum aus der Decke kommt.

📽️ Trailer | „Kajillionaire”

Zusammen schlägt sich das Dreierteam am Rande der amerikanischen Konsumgesellschaft mit kleinen Trickbetrügereien und Diebstählen durch, wie ein liebenswert-uncooles Spiegelbild des „Ocean’s Eleven“-Ratpacks oder wie die wenige­r herzliche Version der Underdog-Familie im koreanischen Cannes-Gewinner „Shop­lifters“.

Die Miete kommt mit den Gutscheinbetrügereien und Paketdiebstählen aber auch nicht wirklich herein. Die Außenseiter leben damit bewusst auf Kosten des kapitalistischen Systems, das den trügerischen Traum verkauft, zum „Kajillionaire“, also wirklich unsagbar reich werden zu können. Das führt zu allerhand großartigen komödiantischen Szenen, hinter denen ein Hauch Traurigkeit spürbar wird.

Miranda July gibt ihren verschrobenen Figuren eine natürliche Kauzigkeit, bei der Wes Anderson neidisch werden könnte. Dahinter verbergen sich aber durchaus auch weniger witzige komplexe Emotionen, die allmählich zum Vorschein kommen. Zunächst ist auch nicht klar, ob die drei wirklich Tochter-Mutter-Vater sind. Später meint Robert dann auch: „Ich habe es immer als Beleidigung gesehen, dich als Kind zu behandeln.“

Die wunderbar-subtile Moral dabei: Familiäre Beziehungen sind mitunter fragil und nicht so selbstverständlich, wie sie scheinen. Das wird spätestens klar, wenn die sonnige Melanie (Gin­a Rodriguez) den durch­choreographierten Alltag der drei Unangepassten und Old Dolios Herz aus dem Rhythmus bringt. Kitsch kommt bei so viel Absurdität nicht auf, nicht einmal im märchenhaften Finale. Der Klang der wunderlichen „Kajillionaire“-Komposition bleibt durchwegs fantastisch-frisch.


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