Schutzschirm für Bezirk Schwaz: Impfen auch für offene Grenzen

Zumindest die innerösterreichische Testpflicht für Tirol soll mit Beginn der Durchimpfung im Bezirk Schwaz fallen. Deutschland muss erst überzeugt werden, Einreiseverbot bis 17. März.

Für Deutschland bleibt Tirol „Virusvariantengebiet“. Bis zumindest 17. März gilt das Einreiseverbot.
© imago

Von Peter Nindler

Innsbruck, Wien – Am Zeitplan der Tiroler Impfstrategie ändert sich nichts, noch im März sollen die 27.000 über 80-Jährigen, die sich für eine Impfung angemeldet haben, eine solche erhalten. Vielmehr wird er mit einer zusätzlichen Impflieferung der EU ergänzt. „Für die anderen Bundesländer ändert sich damit nichts“, will Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) einer Neiddebatte sofort den Wind aus den Segeln nehmen.

Die schwarz-grüne Landesregierung drängt schon seit Wochen wegen der vor allem im Bezirk Schwaz auftretenden südafrikanischen Coronavirus-Mutation auf eine Durchimpfung der dortigen Bevölkerung. Bisher vergeblich. „Wenn der Bezirk Schwaz schon ein europäischer Hotspot der Südafrika-Variante ist, dann braucht es auch eine europäische Lösung. Diese haben wir nun erzielt“, betonen Bundeskanzler Kurz (ÖVP) und LH Günther Platter (VP).

📽️ Video | Feldstudie: Große Impfaktion in Schwaz

Doch wie war die vorgezogene Lieferung von 100.000 Impfdosen von BioNTech/Pfizer möglich? Weil die Durchimpfung der 84.000 Bewohner des Bezirkes wissenschaftlich begleitet wird. Geimpft werden alle impfwilligen Personen ab 16 Jahren. Der Bezirk wird zu einer wissenschaftlichen Modellregion der EU, in der hochkarätige heimische und internationale Wissenschaf­terInnen wie Florian Krammer die Auswirkungen des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs auf die Ausbreitung bzw. Eindämmung der südafrikanischen Virusmutation erforschen sollen. Das war der Türöffner für die Zustimmung aller EU-Mitgliedsländer.

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Bis zum 10. März gilt deshalb noch die Ausreise-Testpflicht aus Tirol, am nächsten Tag beginnt die Immunisierung im Bezirk Schwaz. Dort benötigen die Bewohner allerdings bis zum Erhalt der ersten Impfdosis weiterhin einen negativen Covid-Test, wenn sie ihre Region verlassen. Die Polizei wird stichprobenartige Kontrollen durchführen. Ende März endet dann auch für die „Schwazer“ die Testpflicht bei der Ausreise. Indes hat Deutschland das Einreiseverbot für die Tiroler bis 17. März verlängert.

📽️ Video | Infektiologe Kollaritsch über die Impfaktion in Schwaz

Impfen auch für offene Grenzen

Die Neuinfektionen werden in den nächsten Tagen steigen. Österreichweit. Auch in Tirol ist mit einem deutlich höheren Infektionsgeschehen zu rechnen. 171 Ansteckungen wurden am Mittwoch verzeichnet. Was sich halbiert hat, sind die mit der südafrikanischen Coronavirus-Variante infizierten aktiv Positiven: von rund 200 Fällen Anfang Februar auf nunmehr 88. Davon entfallen jedoch 66 auf den Bezirk Schwaz. Gestern kamen neun weitere Verdachtsfälle hinzu. Von den 31 positiven Tests bei den in Mayrhofen durchgeführten 4240 PCR-Testungen lassen sich elf auf die deutlich ansteckendere und gegenüber einer Impfung resistentere Virus-Mutation zurückführen.

📽️ Video | Statement von Landeshauptmann Günther

Der Bund wollte trotzdem die bis Mittwoch verhängte Ausreise-Testpflicht für Tirol in andere Bundesländer weite­r verlängern, doch inzwischen gingen dafür die Argumente aus. Schließlich beträgt der Anteil des Südafrika-Virus an den Infektionen in Tirol zurzeit „nur“ 5,11 Prozent. Andererseits forderte die Landesregierung schon seit Wochen als zusätzliche Maßnahme für den Bezirk einen Impf-Schutzschirm. Auch als Signal an Deutschland. Schließlich gilt Tirol dort als Virusvariantengebiet. Es herrscht ein Einreiseverbot, das Berlin am Mittwoch wie erwartet bis 17. März verlängert hat.

Tirols LH Günther Platter (VP) und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) waren bereits seit Tagen wegen einer zusätzlichen Impfstoff-Lieferung mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gespräch. Sie konnte schließlich alle anderen 26 EU-Mitglieder von der Notwendigkeit einer Extra-Beschaffung für Tirol mit 100.000 Impfdosen von BioNTech überzeugen.

📽️ Video | Statement von Bundeskanzler Sebastian Kurz

Das deutsche Einreiseverbot soll damit spätestens bis Ende März fallen, die Testpflicht in Österreich wird fix mit 10. März auslaufen. Außer für den Bezirk Schwaz. Dort beginnt einen Tag später die Durchimpfung der Bevölkerung, nach zwei Wochen endet dann die Ausreise-Testpflicht für die rund 84.000 Einwohner.

Die Maßnahmen sollen „auch angrenzende Nachbarländer schützen“, hofft Bundeskanzler Kurz auf ein Einlenken Berlins. Ähnlich argumentiert Landeshauptmann Günther Platter: „Wir wollen mit dieser Vorgangsweise Deutschland überzeugen, von den aktuellen Grenzkontrollen Abstand zu nehmen.“ Der Landeshauptmann erneuerte seine Kritik daran und hält sie für überzogen.

Das deutsche Innenministerium verweist nämlich darauf, dass die Entscheidung über Grenzkontrollen nicht allein von der Verbreitung mutierter Coronaviren in einem Nachbarland abhänge, sondern von Maßnahmen, die dort getroffen würden, um die Pandemie einzudämmen.

„Ein richtiger Schritt“

Positiv fielen die Reaktionen zum Impf-Schutzschirm aus. „Damit kann die Ausbreitung der Mutation verhindert werden, weshalb die Teilnahme im Interesse aller SchwazerInnen und von ganz Tirol ist“, sagte der grüne Klubchef Gebi Mair. Als „richtigen Schritt“ bezeichnet auch Tirols AK-Präsident Erwin Zangerl den zusätzlichen Impfstoff für den Bezirk Schwaz. Er sei der Erste gewesen, der diesen bereits Anfang Februar gefordert hatte.

Dass Schwaz als europäische Modellregion dient, wird sehr positiv aufgenommen, sagt VP-NR Herman­ Gahr: „Im Bezirk wird dieser Schritt sehr positiv gesehen, die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister haben breite Unterstützung für die Logistik zugesagt.“

Für den FP-Landesparteiobmann Markus Abwerzger sind die „Massenimpfungen wenig durchdacht“. (TT)


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