Ein bisschen Kalter Krieg: Das Ivan-Drago-Syndrom

Der finale 50-km-Langlauf der Herren bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf und der anschließende Protest förderten am Sonntag vergessen geglaubte Ressentiments aus der Zeit des Kalten Krieges zu Tage.

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Momente, in denen die Meinungen auseinandergehen: Kläbo (l.) geht an Bolshunow nach Körperkontakt vorbei – und wird disqualifiziert.
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Von Florian Madl

Innsbruck – „Rocky IV“: Kaum ein Jugendlicher der 80er-Jahre konnte sich der Magie dieses Kino-Klassikers entziehen. Der Afghanistan-Konflikt und die daraus resultierenden Olympia-Boykotte in Moskau (1980) und Los Angeles (1984) bildeten den weltpolitischen Hintergrund zur Prügelorgie des boxbegeisterten Auswanderers Sylvester Stallone alias Rocky. Der stellte sich in Moskau einem heldenhaften WM-Kampf mit Dolph Lundgren („Ivan Drago“), kein im Westen gepflegtes Russland-Klischee (von Sibirien über Doping bis KGB) wurde ausgelassen. Rocky gewann nach 15 Runden – ein vermeintlicher Sieg über das Regime.

Und am Sonntag, dem Abschlusstag der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf? Da trat viel von dem zu Tage, was seit den Olympischen Winterspielen in Sotschi (2014) mit dem Nachweis des russischen Staatsdopings neuerlich Aktualität erlangt hatte. Die Geschehnisse vor dem Zielsprint des WM-50ers, als der Norweger Johannes Hösflot Kläbo seinen russischen Rivalen außen überholen wollte und dieser mit Stockbruch nur auf Platz drei landete, hallen nach. Der Jury-Entscheid – Disqualifikation Kläbos, Sieg für den zuvor Zweitplatzierten Emil Iversen (NOR) und Silber für Alexander Bolshunow – das saß. Selbst Russlands Präsident nannte seinen Landsmann in einem Glückwunschtelegramm „den wahren Helden des Rennens“. Und der hatte bereits vor dem Jury-Entscheid seine Opferrolle und die Russlands beschworen: „Hätte ich gemacht, was Johannes passierte, ich wäre schon längst disqualifiziert.“

„Langlaufen ist in Norwegen Volkssport, da geht nichts drüber. Das ist wie Alpin in Österreich.“ – Alexander Stöckl
 (Skisprungtrainer)
© gepa

War das Jury-Urteil gerecht? „Salomonisch ist kein Kriterium“, meinte Polit-Experte Peter Filzmaier. Es gab in vergleichbaren Situationen schon andere Urteile (WM-Gold Petter Northug/Falun 2015), befriedigend wäre die Situation diesmal nicht gelöst worden: „Weil einer gewonnen hat, der sicher nicht gewonnen hätte“, spielte Filzmaier auf den Sieg Iversens an.

Ist das Ergebnis unwiderruflich? Der norwegische Skiverband hat eine Frist bis Dienstag (15.30 Uhr), um Berufung einzulegen. Anschließend würde die FIS eine Berufungskommission einsetzen – ohne Russen und Norweger.

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War das Urteil weltpolitisch motiviert? Peter Filzmaier verweist auf sein Kerngebiet: „Das zu behaupten halte ich für sehr problematisch von allen Beteiligten.“ Der Sport würde sich ohne Belege selbst ruinieren, „denn es gibt keinen Beweis wie einen Tonbandmitschnitt für diese Behauptung“.

Wie reagierten die Russen? Alexander Bolshunow verweigerte die Annahme der Silbermedaille. Und Russlands Skiverbandspräsidentin Jelena Välbe ist der Meinung, dass trotz eines Jury-Entscheids zugunsten Russlands „Silber, aber keineswegs Gold“ in Frage gekommen wäre.

„Ein gänzlich unpolitischer Sport? Sport heißt Wir-Gefühl, aber auch wir gegen die anderen.“ – Peter Filzmaier 
(Polit- Sportexperte)
© TT

Wie reagierten Norwegens Medien? „Die norwegischen Zeitungen sind die schärfsten“, bestätigte am Montag auch der Tiroler Alexander Stöckl, Cheftrainer der Skispringer. Allerdings würde sich eine Schere auftun. „Langlaufen ist Volkssport, da geht nichts drüber.“ Entsprechend werden die Loipen-Sportler, also im konkreten Fall Kläbo, in Schutz genommen. Nicht so die Skispringer, die sich etwa für den Corona-Fall Granerud trotz aller Umsicht Schelte einfingen.

Gibt es österreichische Präzedenzfälle? Bei Platz vier von Marita Kramer auf der Normalschanze erweckte ein Entscheid der slowenisch besetzten Jury (Anlaufverkürzung) den Eindruck, den Wettbewerb just zugunsten der siegreichen Slowenin beeinflusst zu haben. Ähnlich gelagert: der Fall Katharina Liensberger im WM-Parallelrennen von Cortina, als die Vorarlbergerin nachträglich Ex-aequo-Gold zugesprochen bekam. Der Vorwurf der Konkurrenz: Große Sportverbände hätten größeren Einfluss.

Gab es Skandal-Urteile mit Folgewirkung? Peter Filzmaier erinnert an die Niederlage des US-Boxers Roy Jones junior bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul gegen einen südkoreanischen Nationalhelden, nachweislich ein Fall von Sportbetrug. Das Bewertungssystem wurde anschließend geändert.

Warum kann Sport nicht unpolitisch sein? Polit-Analyst Peter Filzmaier weiß: „Sport heißt Wir-Gefühl, aber auch wir gegen die anderen.“ Diese Form der Konfliktaustragung etablierte sich im Kalten Krieg: „Man muss nicht das Letzte riskieren wie den atomaren Overkill.“ Dass bei Olympischen Spielen formal kein Medaillenspiegel erwünscht ist, spielt für Medien keine Rolle.

Ende gut, alles gut? Alexander Bolshunow heiratet am 24. April seine Anna. Und laut der norwegischen Zeitung VG soll auch Johannes Hösflot Kläbo eine Einladung zu den Feierlichkeiten in Russland erhalten haben ...


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