Kritisches Weißsein aus der Karaokeanlage im Kunstraum Innsbruck

Nina Hoechtls Ausstellung im Kunstraum Innsbruck reist zwischen Zeiten, Orten und Geschlechtern.

In „Intellektueller Macho“ (2018) werden historische Aufnahmen von Künstlergruppen neu interpretiert.
© Hoechtl

Innsbruck – Braucht es 2068 noch Feminismus? Vielleicht nicht mehr, feierte die Plakatserie „ausgetrickst und eingenommen“ des heimischen Kollektivs ArchFem – Interdisziplinärer Raum für feministische Intervention doch schon 2006, dass Frauenhäuser überflüssig sein werden – irgendwann, 2068. Eine Vorstellung, die 15 Jahre später, am Weltfrauentag 2021, leider noch nach ferner Zukunft klingt. Anlässlich der Schau „Eine Heimsuchung aus der Zukunft“ von Nina Hoechtl lebten die alten Poster vergangenen Montag dennoch rund um die Innsbrucker Annasäule neu auf.

Eine Aktion, die nochmals in Hoechtls Ausstellung im Kunstraum einlädt, die schon seit Mitte Februar zu sehen ist. Denn genauso wie bei Arch­Fem tänzelt auch Hoechtls Erzählung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei der Künstlerin ist außerdem transnational: Mexikanische Kolonialgeschichte wird hier unter queer-feministischen Gesichtspunkten untersucht. Warum Mexiko? Hoechtl arbeitet seit Jahren dies- und jenseits des großen Teichs. Und engagiert sich da wie dort in Kollektiven wie INVASORIX oder SKGAL.

In der Schau legt die Österreicherin auch gleich ihren biografischen Konnex zu Mexiko offen. Ihr Vorfahr Toni Mayer, ausgerechnet Innsbrucker, war treuer Unterstützer des kolonial-imperialen Unterfangens von Maximilian I – jenes Habsburgers, der 1864 (kurzzeitig) Kaiser von Mexiko war.

Von Maximilian hört man noch mehr im einstündigen imaginären Geschichtsvortrag „Delirio Güero (Weißer Wahn)“. Eine Stimme aus der Zukunft führt hier von der Ananas auf den Tapeten der Gemächer Maximilians zu Jumex, Mexikos (Ananas-)Saftproduzenten Nummer 1, der seit 2013 in Mexico City den westlichen Gegenwartskunst-Kanon im großen privatmusealen Stile bestätigt. „Das hätte Maximilian gefallen“, folgert die Erzählerin nicht unironisch.

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Und die Frauen? Die haben sich in Mexiko bereits 1916 formiert, belegen Hoechtl und SKGAL in der Recherche „Gelbe Fahnen (1913) & Congreso Feminista (1916)“. So ernst das Thema, so wenig bierernst sind Hoechtls Umsetzungen: Die Videoinstallationen „Intellektueller Macho“ (2018) und „Mein Gesicht so güero, es schmerzt“ (2019, beide mit INVASORIX) setzen auf Partizipation: Einmal faken Frauen Künstlergenies mit falschen Schnurrbärten, mal kommt kritisches Weißsein aus der Karaokeanlage. Wenn man bei dieser Art von Aktivismus mitmacht. Dabei sollte klar sein: Auch Feminismus geht nur gemeinsam. (bunt)


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