Mordprozess gegen Oberösterreicher in Graz fortgesetzt

Der Prozess gegen einen 35-jährigen Oberösterreicher wegen Mordverdachts an seiner Ex-Freundin ist am Dienstag im Grazer Straflandesgericht fortgesetzt worden. Am zweiten Verhandlungstag wurden Zeugen gehört - darunter seine früheren Lebensgefährtinnen und Affären sowie der zweite Bruder des Todesopfers. Sie alle belasteten den Beschuldigten schwer: „Wenn er in Rage war, half es nicht zu flüchten.“

Nach dem ersten Bruder, der bereits Montagnachmittag als Zeuge ausgesagt hatte, wurden Dienstagfrüh drei Ex-Freundinnen des Oberösterreichers gehört. Von einer von ihnen hatte er sich jenes Auto geliehen, mit dem er im Februar 2020 zum späteren Tatort gefahren war. Die Besitzerin, mit ihr hatte er offenbar eine Beziehung, als er bereits mit der Steirerin zusammen war, berichtete Richter Andreas Rom: „Er sagte, er habe ein Vorstellungsgespräch und wollte nicht mit seinem Audi A6 hinfahren, weil der zu protzig sei.“ Dass er in Wahrheit damit zur anderen nach Großwilfersdorf fuhr, habe er ihr verschwiegen.

Über ihn selbst konnte sie wenig Positives sagen: „Es stellte sich heraus, dass er oft gelogen hat.“ Die Steirerin, die erschossen wurde, hatte davor mit ihr Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, wie oft er sie belogen hatte. Der Oberösterreicher soll die Zeugin auch überredet haben, der Steirerin Nachrichten zu schicken - deren Inhalt sei aber nicht richtig gewesen: „Er diktierte mir, was ich schreiben sollte.“ Als sie ihm auf die Schliche kam, dass er zeitgleich mit ihr und mit der Steirerin eine Beziehung am Laufen hatte, beendete sie das mit ihm: „Er weinte dabei.“ Das stritt der Beschuldigte allerdings ab: „Ich habe nicht geweint und ihr auch nichts diktiert. Ich habe sie gebeten, das zu schreiben.“

Anschließend wurde jene Frau gehört, mit welcher der Angeklagte mehr als zehn Jahre lang in einer Beziehung gewesen war: „Er war sehr kontrollierend, hat viel gelogen und war gewalttätig, wenn ich nicht gemacht habe, was er wollte. Es war wie in Gefangenschaft, aus der ich mich sehr spät befreien konnte.“ Sie sprach von Handgreiflichkeiten, Tritten und psychischer Gewalt und meinte, es war wie „Zuckerbrot und Peitsche“.

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Er habe sie getreten, als sie schon am Boden lag und wenn sie ihn verlassen wollte, habe er wieder geweint und versprochen, er mache es nie wieder. „Er akzeptiert keine Zurückweisung. Er hat mich dann belagert, bequatscht, Rosen geschickt und Plakate aufgehängt.“ Er hat Gespräche mit ihr aufgezeichnet, die er dann seiner anderen Freundin vorgespielt hatte: „Da klingt es, als wäre er der Vernünftige.“ Sie schilderte auch, dass er ihr gegenüber oft „von Null auf 10.000 gegangen ist, ohne Vorwarnung. Er verfolgte mich, ich fiel hin und er trat wie wild auf mich ein. Wenn er in Rage war, half es nicht zu flüchten.“

Eine dritte Ex-Freundin unterstrich die Angaben der anderen Frauen: „Er stellte seine Ex-Freundin vor mir als psychisch gestört hin. Er spielte mir die Audio-Dateien vor, die hat er so zusammengeschnitten und verdreht.“ Bei ihr hatte der Beschuldigte sogar heimlich eine Kamera im Schlafzimmer montiert, um zu überprüfen, ob sie noch etwas mit dem Vater ihrer Kinder hat. Als die Kamera entdeckt wurde und sie ihn verklagen wollte, bekam sie Schadenersatz bezahlt, doch er filmte auch später noch durch die Fenster bei ihr ins Haus hinein und überwachte sie. „Er spielte mir etwas vor, was er gerne sein möchte, aber da war ja nix wahr, was er erzählt hat.“

Neben den Ex-Freundinnen wurde Dienstagvormittag auch der zweite Bruder des Todesopfers gehört. Er traf kurz nach den Schüssen am Tatort ein und versuchte noch seiner schwer verletzten Schwester zu helfen: „Sie lag am Boden, da war gar nicht soviel Blut, nur an der Mauer. Ich sagte ihr, sie soll da bleiben, weil wir sie brauchen“, schilderte er unter Tränen. „Sie schaute noch einmal her, konnte aber nichts mehr sagen. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, dass ich zu spät kam.“

Auf die Frage des Richters, ob er eine Waffe, welche die Steirerin laut dem Angeklagten bei sich gehabt haben soll, verschwinden hat lassen, sagte er: „Nein, wie kommt man auf so eine Idee? Meine Priorität war, dass meine Schwester überlebt. Sie war angeschossen und stirbt, da dachte ich nicht an Patronen oder eine Waffe.“ Er klärte auch auf, dass in den Überwachungskameras im Haus nie Speicherkarten waren, auf denen etwas aufgezeichnet wurde.

Der Prozess wird am Mittwoch mit einem Lokalaugenschein am Tatort in der Oststeiermark fortgesetzt. Alle Geschworenen sowie der Richtersenat, Anwälte, Verteidiger, der Beschuldigte sowie die Brüder sollen da noch einmal zeigen, wie sich damals alles abgespielt hat. Medien sind aus Pietätsgründen nicht dabei erwünscht. Gegen Mittag tritt man dann wieder im Grazer Straflandesgericht zusammen, um die Gutachten der Sachverständigen zu erörtern.


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