Magazin „Qamar“ will für mediale Vielfalt sorgen

Mit „wenig Kapital und viel Hoffnung“ hat Muhamed Beganovic im Dezember 2020 das muslimische Magazin „Qamar“ ins Leben gerufen. Viermal im Jahr soll das Medium fortan die „tatsächliche Lebensrealität“ von Muslimen abbilden und damit zu einem besseren Zusammenleben beitragen. Mit der heimischen Medienberichterstattung ist der Chefredakteur nicht zufrieden. Er ortet zu wenig Vielfalt und zu viel problem- anstatt lösungsorientierten Journalismus.

Ein negatives Ereignis gab den Ausschlag für die Gründung von „Qamar“. Beganovic bewarb sich vor sechs Jahren für eine journalistische Position. Der Chefredakteur des Mediums ließ ihn jedoch wissen, dass er bei Muslimen zu wenig Bildungs- und Integrationspotenzial sehe, sie würden zu wenig lesen. „Ich habe mir gedacht, er ist nicht der einzige, der so denkt. Es wäre doch toll, wenn es eine Zeitschrift gäbe, die zeigt, dass es sehr kluge und gebildete Musliminnen und Muslime gibt“, erinnert sich der 32-Jährige im Gespräch mit der APA. Denn: „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es ist, wenn man nicht wahrgenommen wird.“ Aus dieser Verzweiflung heraus würden manche Migranten eben „Fernsehen aus Bosnien, der Türkei oder Japan schauen, um sich menschlich zu fühlen“, meint Beganovic.

Der Magazingründer stößt sich daran, dass kaum Texte von muslimischen Autoren in reichweitenstarken Medien zu lesen sind. Gefragt seien sie nur dann, wenn es darum gehe, sich von Terror zu distanzieren. „Die tatsächliche Lebensrealität blenden die meisten Medien so gut wie komplett aus“, bemängelt Beganovic. Dabei hätten sie die Macht, den ersten Schritt für mehr Repräsentanz zu setzen, indem sie in ihre Berichterstattung zusätzliche Stimmen einbrächten. „Medien müssen für Vielfalt sorgen, sie wollen es nur nicht“, glaubt der in Skopje geborene Herausgeber. Er betont jedoch, dass so manche positive Ausnahmen existieren und in den letzten Jahren zunehmend Impulse in eine gute Richtung wahrnehmbar seien.

„Vor wenigen Jahren herrschte großer Bedarf an Leuten, die arabisch oder andere Sprachen von Geflüchteten sprechen und zugleich berichten konnten“, erinnert sich Beganovic. Mit dem Abflauen der Flüchtlingsbewegungen nach Österreich ließ man viele dieser vormals so dringend gesuchten Journalisten und Journalistinnen jedoch wieder fallen. „Qamar“ will manche von ihnen auffangen und eine Plattform zum Schreiben bieten. „Wir achten darauf, dass wir junge Muslime motivieren, die unter Umständen auch noch nie etwas veröffentlicht haben, für uns zu schreiben“, erklärt Beganovic, der im Jahr 2004 nach Österreich kam und seit 2011 journalistisch tätig ist. Das Magazin arbeitet aber auch mit erprobten freien Journalisten zusammen, um schlussendlich neun bis zehn Texte pro Ausgabe zu generieren.

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„Qamar“ positioniert sich nicht religiös, sondern widmet sich kulturellen und gesellschaftlichen Angelegenheiten. Mit diesem Themenmix sei das Magazin laut dem Gründer das einzige Medium, das sich im deutschsprachigen Raum an Muslime richtet. Im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe stehen Hände, da diese oft problematisiert werden: Muslime verweigern den Handschlag oder nutzen sie für Gewalt bis hin zu Mord, nennt Beganovic so manche problematische Vorstellung. „Das Thema rund um den Handschlag wird todernst diskutiert. Das müsste aber nicht so sein“, meint er. Man wolle deshalb einen anderen Zugang suchen und etwa eine blinde Muslima porträtieren, die mit ihren Händen Brustkrebs sehr früh erkennen kann.

Die Texte erscheinen ausschließlich auf Deutsch. Dass man dadurch einen Teil der Zielgruppe nicht erreicht, glaubt der „Qamar“-Gründer nicht: „Jeder, der im Magazin vorkommt, ist Teil der Gesellschaft und spricht deutsch. Natürlich existieren Menschen, die Probleme mit der Sprache haben. Meiner Erfahrung nach können jedoch die allermeisten eine Zeitschrift wie „Qamar“ lesen.“

Erreicht habe man mit der Gründungsausgabe jedenfalls nicht nur Muslime. Rund ein Drittel der Bestellungen stammte von Personen, die zumindest mit ihrem Namen keinen muslimischen Hintergrund erwarten ließen, sagt Beganovic. Das ist auch ganz im Sinne des Magazingründers: „Wir haben primär, aber nicht ausschließlich Muslime im Fokus. Wir richten uns auch an weltoffene, an der Vielfalt des Islam interessierte Nicht-Muslime.“ Das wolle man auch mit dem Namen des Magazins andeuten. „Qamar“ bedeutet auf Deutsch „Mond“. „Inoffiziell ist die Mondsichel ein Symbol des Islams und manche haben ja auch ein bisschen Angst davor. Diese wollen wir mit anderen Mondformen wie dem Voll- oder Halbmond nehmen. Wir sind ganz gewöhnliche Menschen. Man muss keine Angst vor uns haben“, so Beganovic.


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