Alle warten auf ein Wunder: „Zirkus“ von Ernst Molden und dem Nino aus Wien

Für ihr neues Album verschlägt es Ernst Molden und den Nino aus Wien in die Manege. „Zirkus“ ist die zweite Kooperation der beiden Liedermacher.

Der Nino aus Wien und Ernst Molden liefern den Soundtrack für den Film „Ein Clown. Ein Leben“.
© Mussil

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Mal ist er ein knallharter Manager, mal Zippo, der ulkige Clown. Einen Zirkus wollte Bernhard Paul schon als Kind leiten. Traum ist das keiner geblieben, seit 40 Jahren führt Paul das Unterhaltungsimperium Roncalli – wenn nicht gerade Corona Saison hat, unterhält er damit jährlich Millionen Menschen. Mit „Ein Clown. Ein Leben“ hat Regisseur Harald Aue dem längst legendär gewordenen österreichischen Zirkusdirektor einen Film gewidmet, der noch 2021 in die Kinos kommen soll – wenn denn die Kinos mal wieder Saison haben. Zur Einstimmung gibt es ab morgen den Soundtrack zum Film, der von Ernst Molden und Der Nino aus Wien kommt.

Für die beiden Wiener Liedermacher ist Bernhard Paul übrigens schlichtweg „Da Kenig“, wie einer der zwölf Songs auf „Zirkus“ betitelt ist. Der Track ist ein Lied gewordenes Porträt, erklärte Molden dazu kürzlich gegenüber dem ORF. Und das Königreich ist hier ein Lager mit „hundert Wagerln aus buntem Holz/und an Schnops aus St. Pauli, auf den bin i b’sunders stolz“.

Während „Da Kenig“ Persönliches vertont, träumt sich der Rest des Albums lieber wieder weit über die Manege heraus. „Zirkus“ startet im Konjunktiv: In „Warad I A Clown“ tritt das Tragisch-Komische des Narren zutage. Auf der einen Seite warten „zwanzig Frauen und dazua koa Rua“, auf der anderen bleibt „kein Vertrauen in die Welt“.

Aus derartigen Oppositionen nährt sich das musikalische Schaffen von Ernst Molden und seinem zwanzig Jahre jüngeren Gegenüber. Die große dichterische Verbundenheit der beiden spürt man in ihrem neuen Album einmal mehr. Es ist bereits der zweite Anlass, für den sich das Duo ins Studio begab. Und zugleich der erste, für den gemeinsam Musik geschrieben wurde.

Für „Unser Österreich“ (2015), auf dessen Cover ein verschlissenes Rot-Weiß-Rot gehisst ist, stand die Liftingkur für so manches faltige Gustostückerl des Austropop auf dem Programm. Damals, als die österreichische Musikszene sogar in Deutschland plötzlich hip war, entdeckte auch Österreich musikalische Sternstunden à la „Ganz Wien“ noch einmal ganz neu. Neu ist hier nicht gleich hochglanzpoliert. Der einstige Falco-Hit ist schon immer noch sehr Wien.

So ganz kann und will sich auch „Zirkus“ vom Morbiden, Raunzerischen nicht losmachen. Weder in den neu aufgenommenen „Es geht immer ums Vollenden“ (von Nino) und „i siech was finstas/i see a darkness“ (Moldens Version von Will Oldhams Song) noch in den zehn neuen Werken. Die Melodien schlurfen dahin, in karger Instrumentierung batteln sich scheppernde Gitarren mit knarzigen Stimmen. Wie in einer Drehorgel reihen sich die Melodien krachend aneinander. Hauptsache schön roh.

Im Rohen, Spontanen steckt extra viel Platz für Imagination, auch wenn wie im Instrumental „Clowntraum“ der Text ganz ausgespart bleibt. Dafür windet sich „Café Der Artisten“ umso wortreicher von Sensation zu Sensation. Sensationell unkorrekt ist „Mia Gengan D Viecha O“, das sich Zirkustiere zurückwünscht, den weinenden Tiger ebenso wie die große Vogelshow.

Das intensive „Für immer“ hingegen geht nach „Losfoa­n“ noch einmal mit der Zirkustruppe auf Reisen, „Paris im Herzen/Moskau im Blut“, „Verona in den Augen/Wien unter deiner Haut“ immer dem nächsten „Tusch“ auf den Fersen. Natürlich hält „für immer laut/für immer bunt/für immer jung“ bis nach der letzten Vorstellung. Es scheint, als würde bei „Zirkus“ immer wieder mal die Realität durch die Vorhänge durchblitzen. Wie es schon in der Zugabe „Zirkusmusik“ heißt, warten dann alle aufs Staunen, „auf ein Wunder“. Ganz wie im wahren Leben gerade also.

Soundtrack Ernst Molden & Der Nin­o aus Wien: Zirkus, bader molde­n recordings. Live: Beim BurgSommer Hall (geplant für 23. bis 26. Juni) steht Ernst Molden gleich dreimal auf dem Programm: Am 23., mit Ursula Strauss, am 24. mit Nino aus Wien, am 25. mit Dreiviertelblut.


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