Anna Baars neues Buch „Nil“ ist anstrengend, aber lohnend

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Der Nil ist, möchte man meinen, zumindest an seinem Unterlauf ein breiter, unbeirrt und träge dahinfließender Strom. Nichts davon ist Anna Baars soeben erschienener langer Prosatext „Nil“. Er lässt sich kaum fassen, überrascht immer wieder mit neuen Wendungen, verunsichert permanent und macht das Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, Schreiber und Leser, Bild und Spiegelbild zum Thema. Eine Herausforderung, ebenso anstrengend wie lohnend.

Die in Wien und Klagenfurt lebende Autorin (zuletzt: „Als ob sie träumend gingen“, 2017) stellt ihrem Buch ein Cicero-Zitat voran: „Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Ich.“ Damit ist das Thema vorgegeben. Eines der Themen. Wer ist „ich“? Und wie lässt sich das herausfinden? „Ich war es nicht“, stellt „Nil“ schon im ersten Satz fest. „Seit sie mich hier festhalten, denke ich diesen Satz. Aber ich sage ihn nicht. Nach außen hin soll getan sein, als sei die Rede von nichts.“ Und schon sind wir auf einem Terrain der schwankenden Böden, der Spiegelkabinette und Labyrinthe. Dort warten dann Sätze wie: „In Wahrheit müsste ich lügen. Nur in meinen Geschichten bin ich ganz und gar ich.“

Der Ich-Erzähler, der auch eine Ich-Erzählerin sein kann, wird festgehalten. Es könnte ein Verhörraum sein oder auch sein Kinderzimmer. Das Verhör führen „Wärter und Kamerafrau“. Es könnten aber auch seine bzw. ihre Eltern sein. Oder der Chefredakteur eines Frauenmagazins, dem die Fortsetzungsstorys seines Autors bzw. seiner Autorin zu bunt und zu wirr werden. Er verlangt ein Ende. „Meinetwegen, indem sich das Paar ein Herz nimmt und von einer Klippe springt.“ Der Text wird noch häufig nahe am Abgrund stehen. Metaphorisch und buchstäblich, in einem Steinbruch, wo sich regelmäßig Selbstmord-Kandidaten einfinden, beobachtet und gelegentlich angefeuert von einem Kind, das hier das Verschwinden von Menschen aus dem Blick und aus dem Leben wie ein Zauberkunststück betrachtet.

Kein „Nil“ ohne Krokodil. So auch hier. Schon auf dem Buchcover ragt der Schwanz einer Schuppenechse dem Betrachter entgegen. Aus einem Photoautomaten. Auch der taucht in der Geschichte bald auf, sowie ein Zoo, dessen Tiere verkauft werden mussten, ein Swimmingpool und ein aufblasbares Krokodil, das von der Mutter mit einem Küchenmesser zur Strecke gebracht wurde, als sich das „Bärchen“ genannte Kind von dem Schwimmtier bedroht fühlte. Zwei alte Bären gibt es auch, und die kindliche Frage „Papa, wie vögelt ein Bär?“ Wie es die Eltern miteinander treiben, weiß das Kind durch eigene Schlüssellochbeobachtungen.

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Gewissheit gibt es nicht. Sind es Drogen oder Globuli, die da konsumiert werden? Sind die Kindheitserinnerungen echt oder verfälscht? „Stellt Gott unser Schicksal auf Autopilot, wenn ihm langweilig ist?“ Einer, „der nicht viel von sich weiß“, bekommt schließlich einen Namen: Sobek. Ist er Voyeur? Pyromane? In jedem Fall ein Verlorener. Er „kommt sich vor wie ein Filmstar, aber im falschen Film. Sowie er für mündig erklärt worden war, begann er noch unreif zu faulen.“ Im „Nil“ schwimmen solche unglaublichen Sätze zuhauf. Was man mit ihnen anfangen soll, ist nicht immer ganz klar.

Sobek macht Bekanntschaft einer Fremden, die ihm ihr Leben diktieren möchte. Doch ist es nicht eigentlich sein eigenes? „Ich steckte mich an mit dem Mann, nahm manche Eigenschaft an.“ Baars Verfahren erinnert spätestens hier an „Das Bildnis des Dorian Gray“: Nicht nur die Wirklichkeit nimmt Einfluss auf die Kunst, sondern auch umgekehrt. Schreiben konstituiert Leben, kann aber auch den Tod bedeuten. „Ich habe nicht versucht, mich umzubringen. Im Gegenteil“, heißt es einmal. „Gott weiß, wie oft ich aufgebrochen bin, gänzlich zur Welt zu kommen.“

Und so reißt einen dieser „Nil“ am Ende ganz mit. Widerstand ist zwecklos. Man kann nur versuchen, nicht unterzugehen in dieser Flut an Anspielungen und Kursiv-Schreibungen, in Strudeln und Gegenströmungen, die einen in die Tiefe ziehen. Und auf ein verzweifeltes „Es reicht, ich will nichts mehr hören!“ folgt dann ein lakonisches: „Aber ich habe doch gar nichts gesagt.“ Das kann jeder sagen. Aber nicht jeder so schreiben wie Anna Baar.

(S E R V I C E - Anna Baar: „Nil“, Wallstein Verlag, 148 Seiten, 20,60 Euro)


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