Österreichischer Presserat: 2020 Viel mehr Fälle, weniger Verstöße

Der Österreichische Presserat verhandelte 2020 418 Fälle und ortete dabei 36 Verstöße. Allein über die Terror-Berichterstattung des Boulevards gingen 1500 Beschwerden ein.

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Die Berichterstattung von oe24.at und krone.at über die Wiener Terrornacht am 2. November 2020 wurde vom Presserat gerügt.
© GEORG HOCHMUTH

Wien –Terror in der österreichischen Hauptstadt, das Nachwirken des Ibzia-Videos und vor allem die Corona-Pandemie: 2020 war ein Ausnahmejahr. Auch für Berichterstatterinnen und Berichterstatter. Das lässt sich auch an der gestern präsentierten Jahresstatistik des Österreichischen Presserats ablesen. 418 Fälle haben den Verein zur Selbstkontrolle der heimischen Printmedien im Vorjahr beschäftigt – mehr als je zuvor. Zum Vergleich: 2019 diskutierte der Presserat 297 Fälle. Den Anstieg führt Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Presserates, auf die vielen Berichte über die Corona-Situation zurück. Diese seien von Leserinnen und Lesern besonders häufig beanstandet worden. „Die meisten dieser Beschwerden seien nicht aufgegriffen worden“, erklärt Warzilek. Das zeige sich auch in der Anzahl der letztlich von den drei Senatskammern des Rates georteten Verstöße gegen den Ehrenkodex der österreichischen Presse. Diese gingen von 38 im Jahr 2019 auf 36 zurück.

Die meisten Verstöße (17) verantwortete das Boulevardblatt Österreich und dessen Online-Ableger oe24.at. Die Kronenzeitung verletzte den Ehrenkodex elfmal. Zur Berichterstattung des Standard behandelte das Selbstkontrollorgan zwar 52 Fälle – keiner davon wurde jedoch als Verstoß gewertet. Die Tageszeitung Kurier kommt bei 27 Fällen auf einen Verstoß.

Die meisten Ethikverstöße betrafen Verletzungen des Persönlichkeitsrechts. Darunter fällt auch die vom Presserat gerügte Berichterstattung von oe24.at und krone.at über die Wiener Terrornacht am 2. November 2020. Beanstandet wurde die Veröffentlichung zweier Videos. In einem ist die Erschießung einer Passantin zu sehen. Das zweite zeigt, wie ein Polizist angeschossen wird. Insgesamt gingen 1500 Beschwerden über die Terror-Berichterstattung beim Presserat ein – auch das ein Negativrekord. oe24.at-Geschäftsführer Wolfgang Fellner bezeichnete die Rüge für sein Medium als „Fehlurteil“ und kündigte rechtliche Schritte an. Die Fellner-Medien sind erst seit 2017 Mitglied des Presserats. Die Krone erkennt die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht an.

Der Presserat stehe zu seiner Entscheidung und werde sie nicht zurücknehmen, sagte Alexander Warzilek gestern zu der Causa. Eine Klage sei bislang nicht eingegangen und oe24.at nicht ausgetreten. (TT)


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