„Vom Aufstehen": Helga Schuberts bitterer Blick zurück ohne Zorn

Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert ruft im neuen Erzählband „Vom Aufstehen“ manch schmerzliche Zwischenstation ihres Lebens ab.

  • Artikel
  • Diskussion
Helga Schubert stammt aus Berlin. Sie war mehrmals Jurorin des Bachmann-Preises, im Vorjahr gewann sie die Auszeichnung.
© Renate von Mangoldt

Von Markus Schramek

Innsbruck – Vorgewarnt war man ja. Mit einem betroffen machenden Text gewann Helga Schubert letzten Juni den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. Die deutsche Autorin schilderte autobiografisch das schwierige Verhältnis zur Mutter. Schubert, 1940 in den 2. Weltkrieg hineingeboren, erlebte eine unheilvolle, dramatische Periode der jüngeren deutschen Geschichte am eigenen Leib, hautnah und erbarmungslos. Die Flucht vor den Bomben und den heranrückenden Russen endete, eher zufällig, in Ost-Berlin. Dort wurde die Nazi-Tyrannei von der DDR-Diktatur abgelöst.

Helga Schuberts „Vom Aufstehen"

Mag sein, dass Schuberts Mutter vor diesem Hintergrund ihr einziges Kind Helga erschöpft aus den Augen verlor. Nicht nur mitten durch Berlin entstand eine trennende Mauer. Zwischen Mutter und Tochter Schubert schienen die Gegensätze ebenso unüberbrückbar.

Schuberts neuer Erzählband, der heute veröffentlicht wird, trägt den Namen ihres siegreichen Textes von Klagenfurt: „Vom Aufstehen“. Rund um diesen Beitrag gruppiert die Schriftstellerin Stationen ihres Lebens, das ohne die historischen Umwälzungen bis hin zur deutschen Wiedervereinigung wohl anders verlaufen wäre. In Summe sind es rund 30 Kapitel in loser Folge: Anekdoten, Erinnerungen, Aperçus.

Aus dem Stand nimmt die 81-jährige Autorin den Leser in Beschlag. Unfassbar ist das Er- und Überlebte, doch kein Wort der Klage, keine Wertung, kein nachträgliches Verurteilen kommt der Verfasserin ins Buch.

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Freudvolle sommerliche Landpartien bei der geliebten Oma kontrastieren scharf mit der Eiseskälte der Mutter. Diese wollte ihrem Mann, der bald als Soldat im Krieg ums Leben kommt, einen Buben gebären – eine Behauptung, die sie der Tochter auch noch unter die Nase reibt. Eine größere Demütigung für das Kind ist kaum vorstellbar.

So etwas wirkt nach, so etwas lässt sich niemals abschütteln oder verdrängen. Und so nennt Schubert ihre Mutter kein einziges Mal bei deren Vornamen. „Ja, ihre Tochter: Sie war meiner Mutter fremd geblieben“, schreibt die Autorin wie über jemand anderen und meint doch sich selbst. Größte Distanz auch in schriftlicher Form.

Schubert war schon 1980 zum Bachmann-Preis eingeladen gewesen, die DDR verweigerte ihr damals jedoch unter fadenscheinigen Vorwänden die Ausreise. Das Regime hatte die ausgebildete Psychologin und Literatin als mutmaßliche Staatsfeindin auf dem Radar. Doch der Überwachten gelang es immer wieder, dem System DDR ein Schnippchen zu schlagen. Sogar auf dem gewöhnlichen Postweg schaffte sie verbotene Bücher aus dem Westen hinter den Eisernen Vorhang.

Die preisgekrönte Autorin hat Berlin schon vor vielen Jahren verlassen – zugunsten eines ruhigeren Lebens im vergleichsweise verschlafenen Mecklenburg. Dort kümmert sie sich um ihren pflegebedürftigen Mann.

Schuberts Mutter lebte bis ins biblische Alter von 101 Jahren. Zur Aussöhnung zwischen den beiden Frauen dürfte es nicht mehr gekommen sein. Für Worte des gegenseitigen Respekts und Danks hat es aber gereicht. „Alles gut“, lautet Schuberts knapper Schlusssatz.

Ein bitterer Blick zurück, jedoch ohne Zorn.


Kommentieren


Schlagworte