Kehlmann zeigt die Grenzen künstlicher Intelligenz als Autor

Kann man einen Algorithmus als Werkzeug für die literarische Arbeit einsetzen? Diese Frage stellte sich Daniel Kehlmann auf Einladung von „Open Austria“ und reiste ins Silicon Valley, um seinen virtuellen Schreibpartner CTRL kennenzulernen. Von seiner Annäherung an die künstliche Intelligenz, den Versuchen des kollaborativen Schreibens und - soviel sei verraten - dessen Scheitern, berichtete er jüngst in der ersten „Stuttgarter Zukunftsrede“, die nun als Buch erschienen ist.

Auf den rund 60 Seiten von „Mein Algorithmus und ich“ gibt Kehlmann einen kursorischen Einblick in die Funktionen von prädikativen Algorithmen („Sie scheinen Dinge zu verstehen, aber eigentlich treffen sie nur Voraussagen“) und versucht sich an einem Vergleich zu dem, was Menschen - und das menschliche Schreiben - ausmacht. „Ich weiß, wie es ist, ich zu sein, hier zu stehen, zu sprechen; mein Dasein hat eine Innenseite“, heißt es zu Beginn. „Und ist es nun irgendwie, ein Algorithmus zu sein? Fühlt es sich irgendwie an, hat das Algorithmendasein eine Innenseite?“ Die Antwort geben die kurzen Textausschnitte, die Kehlmann den Lesern vorlegt.

So basiert das Innenleben des Programms vor allem auf Meta-Wörtern und Big Data: Das Programm durchforstet alle ihm zu Verfügung stehenden Texte, um eine Voraussage darüber zu treffen, welche Wörter und Sätze auf jene Eingabe folgen könnten, die wir eintippen. Im Alltag kennt man das etwa aus Vorschlägen bei der Google-Suche oder beim Tippen von SMS. Kurz zusammengefasst: „Künstliche Intelligenz ist ein Zweitverwerter.“ Dennoch ist man immer wieder erstaunt, wie akkurat die Sätze sind, die das Programm ausspuckt und wie ansatzweise kreativ jene Sätze sind, mit denen das Programm Kehlmanns Sätze weiterführt. Wohlgemerkt: Das CTRL kann das vorerst nur auf Englisch, wie ein kurzer Test Kehlmanns leidvoll zutage fördert. So ist es durchaus von Vorteil, bei der Lektüre von „Mein Algorithmus und ich“ des Englischen mächtig zu sein, um den subtilen Humor der produzierten Texte zu erfassen.

Dafür sind die so entstandenen Passagen relativ kurz. Nach spätestens einer Seite hängt sich die KI auf und produziert nur mehr dadaistische Textfetzen. „CTRLs große Schwäche ist nach wie vor narrative Konsistenz“, vermerkt Kehlmann. Literarisches Erzählen lebe davon, einen Zusammenhang zu schaffen. „CTRL sucht nach der wahrscheinlichsten Wendung, aber nicht des Plots, sondern der Sprache“, so Kehlmanns Fazit. Nach mehreren - sehr amüsant zu lesenden Versuchen - gibt der Autor irgendwann auf. „Als spräche man mit einem Verrückten, der auch extrem luzide Momente haben kann und zuverlässig nach kurzer Gesprächsdauer in Schweigen verfällt.“

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Die anfängliche Sorge, künstliche Intelligenz werde in naher Zukunft den Schriftstellerberuf abschaffen, hat sich bei Kehlmann am Ende seines mehrmonatigen Experiments in Luft aufgelöst. „Und ich konnte mit ihm keinen Text schreiben, der künstlerisch hätte bestehen können. In dieser Hinsicht ist das Experiment gescheitert.“ Äußerst lohnend ist es hingegen, Kehlmann auf diesem Weg zu beobachten.

(S E R V I C E - Daniel Kehlmann: „Mein Algorithmus und ich: Stuttgarter Zukunftsrede“, Klett-Cotta, 64 Seiten, 12,40 Euro)


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