Film-Kritik: Verwundete Seelen am Abgrund des Lebens

Regisseur Can Ulkay postiert in „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ („Kag˘ittan Hayatlar“ im Original) die Kameras genau dort, wo Menschen dahinvegetieren, weit abseits der Butterseite des Lebens.

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Zwischenstopp in der Sonne. Bub Ali (Emir Ali Dog˘rul) und Mehmet (Çag˘atay Ulusoy).
© Netflix

Innsbruck – Als Wohlfühlfilm kommt dieser via Netflix verfügbare Streifen türkischer Provenienz nicht in Frage. Regisseur Can Ulkay postiert in „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ („Kag˘ittan Hayatlar“ im Original) die Kameras genau dort, wo Menschen dahinvegetieren, weit abseits der Butterseite des Lebens.

Mehmet (fast schon schmerzlich authentisch gespielt von Çag˘atay Ulusoy) ist so etwas wie der Kopf einer Gruppe von Outcasts in einem desolaten Stadtteil Istanbuls. Hierher verirrt sich kein Tourist, und das ist auch besser so: Das Gebiet haben sich diverse Clans, heimatlose Kinder und junge Männer, aufgeteilt. Aus dem Müll der Millionenmetropole fischen sie Verwertbares heraus, um sich damit ein paar türkische Lira zu verdienen. Grenzüberschreitungen führen zu Konflikten mit Fäusten und Messern.

📽️ Video | „Das Leben ist wie ein Stück Papier“

Mehmet markiert nach außen das Raubein, doch jeder im Viertel weiß es: In ihm schlummert eine tief verwundete Seele, seit er als Kind von seiner Mutter getrennt wurde.

Dieses Trauma wird neu befeuert, als Mehmet im angehäuften Müll des Tages den kleinen Ali (Emir Ali Dog˘rul) entdeckt. Der Bub hat Striemen am ganzen Körper – Schläge vom Schwiegervater, wie sie auch Mehmet als Kind erleiden musste. Er nimmt Ali bei sich auf und gelobt, dem Schwiegervater gehörig die Leviten zu lesen, bevor er den Buben wieder der Obhut seiner Mama übergibt. Doch zuvor gönnen sich die beiden einige unbeschwerte Stunden beim Sonnenbaden und Feiern unter freiem Himmel.

Mehmet leidet nicht nur psychisch, sondern auch körperlich: Der schwer kranke Mann benötigt dringend eine Spenderniere. Er spart sich das Geld dafür vom Mund ab. Schwere Schmerzmittel und Tabletten vernebeln zunehmend seinen Bezug zur Realität. Mehmet flüchtet sich in eine Fantasiewelt, die nur er selbst zu erkennen vermag.

Regisseur Ulkay schont weder seine Darsteller noch uns Zuseher. „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ ist derart ungeschminkt und roh, dass man phasenweise kaum noch hinsehen mag. Hier das Leben im Dreck einer Wohlstandsgesellschaft, dort ein Schwenk über das prachtvolle Panorama der Stadt am Bosporus. Ein harter Aufprall auf dem Boden von Tatsachen. Was weiß man schon vom Leben jener, die ganz unten sind. (mark)

Info

„Das Leben ist wie ein Stück Papier (Kag˘ittan Hayatlar)" derzeit auf Netflix.


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