Neues Buch von Teresa Präauer: Die Wunder und Wunden der Welt

Fruchtbare Zettelwirtschaft: Teresa Präauer hat 82 ihrer grandiosen Gelegenheitstexte geordnet und mit „Das Glück ist eine Bohne“ zum Buch zusammengeführt.

Teresa Präauer, Jahrgang 1979, lebt und arbeitet als Autorin und bildende Künstlerin in Wien. 2017 gewann sie den Erich-Fried-Preis.
© Langdon

Innsbruck – Die logistische Herausforderung eines Umzugs wird im Fall der Autorin Teresa Präauer noch herausfordernder, weil Präauer „Papierln“ anhäuft, Blätter mit Notizen, Skizzen, irgendwo Herausgerissenem, das für irgendwann bewahrt, das irgendwann bedacht werden will. So jedenfalls beschreibt sie es selbst – und versichert, dass die Materialsammlung noch keine Mayröcker’schen Ausmaße angenommen hat. Die Geschichte, die Teresa Präauer ihrer Zettelwirtschaft widmet, heißt „Aufbewahren & Wegwerfen“. Die knapp eineinhalb Seiten lesen sich schnell – und wirken unspektakulär. Die präzise Komposition des Textes (vom Titel samt bedeutsamem Sonderzeichen bis zur finalen Pointe) wird erst auf den zweiten Blick deutlich: In wenigen Zeilen löst Präauer das Spannungsfeld von Aufbewahren oder Wegwerfen, indem sie eine Notiz Geschichte werden lässt – und den Zettel wegwerfen kann. Dazu gibt es noch eine kleine Kulturgeschichte des &-Zeichens: von der Spät­antike über geschäftstüchtige Firmennamen bis zu den tippenden Beats und Friederike Mayröcker eben.

„Aufbewahren & Wegwerfen“ erschien im Herbst 2019 als Gastbeitrag in den Salzburger Nachrichten. Mit 82 weiteren Kurz- und Kürzesttexten aus den vergangenen Jahren hat ihn Präauer nun auch in ihre Erzählsammlung „Das Glück ist eine Bohne“ aufgenommen. Auch die bereits veröffentlichten Texte wurden für das Buch bearbeitet und neu geordnet. Auch deshalb ist „Das Glück ist eine Bohne“ mehr als die Sammlung von Gelegenheitsarbeiten einer zu Recht gefragten Kolumnistin. Es lässt sich sogar ein roter Faden ausmachen: In „Das Glück ist eine Bohne“ geht es um die großen und kleinen Wunden und Wunder der Welt – und um die Versuche, schlau daraus zu werden. Präauer beschreibt Bilder und Songs, beiläufige Begegnungen und scheinbare Zufälligkeiten. Sie ordnet ein und deutet aus. Manchmal fabuliert sie, wenn etwa Britney Spears (als unpassend aufgebrezelter Weihnachtsengel) oder Phil Collins (als Snowboard-Eleve) auftreten, doch auch da ist die Fantasie (oder, wenn man so will, die Fantastik) keine Ausflucht, sondern ein Schlüssel, um Zeitzustände und Phänomene zu öffnen. Es geht ums Großwerden in der Provinz, um Kim Kardashians Hintern, richtige Typographie, die hinterhältige Schönheit des Après-Ski, um Jimi Hendrix, Pearl Jam und Peter Handke – und darum, dass Literatur mehr sein kann und mehr sein muss als bearbeitete Befindlichkeiten, Bespaßung oder gutes Handwerk. Damit sie das ist, muss aber – wie in der Typographie – auch das Handwerk stimmen. Als Kronzeugen führt Teresa Präauer dafür andere Großerzähler an, etwa den Universalbibliothekar Jorge Luis Borges oder den hierzulande oft sträflich übersehenen Klaus Merz. „Das Glück ist eine Bohne“ ist reich an Vorschlägen für weiterführende Lektüren – ein gerade dieser Tage unbezahlbarer Zusatzservice. Kurzum: Dieses Buch macht glücklich. (jole)

Erzählungen Teresa Präauer: Das Glück ist eine Bohne. Wallstein, 310 Seiten, 24.70 Euro.

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