„Der Fallmeister“ von Christoph Ransmayr: Die Apokalypse zieht sich

In „Der Fallmeister“ entwirft Christoph Ransmayr eine finstere Welt nach der Klimakatastrophe. Wirklich mitreißen kann der Roman aber nicht.

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Christoph Ransmayr, Jahrgang 1954, zählt zu den international bekanntesten österreichischen Autoren.
© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Welt, die Christoph Ransmayr in seinem neuen Roman „Der Fallmeister“ in schicksalsschwerem Raunen entwirft, wirkt wie finster-fiktives Mittelalter – und ist doch noch finsterere Zukunft. Die Welt hat sich zerlegt. Sie ist in Zwergstaaten zerbröselt, die, einander spinnefeind, ihre jeweilige Größe durch seltsam archaische Rituale, irrwitzige Hymnen und hochgerüstete Heere behaupten. Fremdes wird deportiert, dorthin abgeschoben, wo es einmal herkam, und das vermeintlich Ursprüngliche bis zum unvermeintlichen Inzest kultiviert. Über die tobende Kleinstaaterei herrschen globale Syndikate. Sie organisieren das wenige trinkbare Wasser, das der Welt nach Jahren des industrialisierten Raubbaus geblieben ist. Die menschengemachte Klimakatastrophe hat das Gesicht dieser Scherbenwelt verändert: Das Meer hat sich weit ins frühere Festland hineingefressen. Was es nicht erreicht, ist von Verwüstung bedroht.

Der, den Ransmayr diese – so der Untertitel – „kurze Geschichte vom Töten“ erzählen lässt, zählt als Hydrotechniker und Experte für Strömungen zur transnationalen Elite. Er kann die Grenzen der Grafschaften, Kommissariate und Zwergstaaten hinter sich lassen. Eigentlich. Uneigentlich treibt ihn aber vornehmlich die eigene Familiengeschichte vor sich her. Er ist der Sohn des titelgebenden Fallmeisters. Und dieser Fallmeister, ein Schleusenwärter an einem einst österreichischen, im Roman bandonischen Wasserfall, ist tot. Und er hat – das verrät schon der erste Satz – getötet. Fünf Menschen starben, weil er die Schleusen zu früh öffnete. Ein Versehen vielleicht, eine Tragödie allemal. Sein Sohn aber glaubt in der Tat des Vaters, eines zum Jähzorn neigenden Mannes von selbstgefälligem Grant, Absicht zu erkennen. „Ein Verbrechen“, ist er sicher – und will es aufklären. Vor allem aber will er anklagen.

Dass auch der Sohn eine Tendenz zum Töten hat, gesteht er früh: Schon als Kind säbelte er mit scharfer Klinge Hornissen aus der Luft. Über die Frage, was den Menschen zum Mörder macht, sinniert er denn auch am Ufer des Tonle Sap in Kambodscha. Der Tonle Sap ist ein Fluss, der unter gewissen Bedingungen seine Fließrichtung ändert, der mit ungeheuerlicher Kraft zurück zum Ursprung drängt. Ein starkes Bild. Und wie beinahe alles in Ransmayrs Roman ist es überdeutlich darum bemüht, symbolisch ausgedeutet zu werden. Damit auch richtig gedeutet wird, macht es der Ich-Erzähler gleich selbst – und denkt Natur und Zivilisation zusammen: Der Versuch, Geschehenes ungeschehen zu machen, die Anstrengungen, die Zeit zurückzudrehen, um einen zum Ideal gewordenen Urzustand herzustellen, weckt die in jedem Menschen schlafende Bestie.

Auf diesen dann doch recht simplen Erkläransatz wäre man wohl auch ohne Leseanleitung des Autors gekommen. Zumal er nicht wirklich überzeugt. Denn wenn das apokalyptische Setting des Romans eines klarmacht, dann dass Gewinnsucht und Fortschrittsglaube mindestens so mörderisch sind wie das Zurück zu „einer seit Jahrhunderten verfinsterten Glorie“. Wirklich auflösen kann „Der Fallmeister“ das Dilemma des Menschen, der sich und der Welt zum Wolf wird, also nicht. Deshalb schiebt Ransmayr es mit sprichwörtlicher Sprachgewalt an den Rand und gestaltet mit sprichwörtlicher Sprachgewalt anderes aus. Doch auch die dunklen Ecken der Fallmeister-Familie bleiben letztlich abstrakte Konstellationen: Nichts bewegt, nichts berührt, nichts reißt mit. In schönen Sätzen wird Nationalismus ausgestellt und anschaulich gemacht, was der Welt droht, wenn es für den nächsten Klimagipfel endgültig zu spät ist. Doch selbst das lenkt nicht davon ab, dass sich diese „kurze Geschichte vom Töten“ zieht – und selbst die Apokalypse, wenn sie nicht erzählt, sondern bloß ausgestellt wird, eine ziemlich zähe Angelegenheit sein kann.

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📚 Roman Christoph Ransmayr: Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten. S. Fischer, 220 S., 22,70 Euro.


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