Landespolitik

Land Tirol prüft nun Vorwürfe gegen Sozialeinrichtung „Netz“

37 selbstständige Einrichtungen betreuen in Tirol im Auftrag der KiJu Jugendliche in Not.
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Der Tod von fünf Jugendlichen, die vom „Netz“ betreut worden waren, und fehlende schriftliche Dienstverträge für Mitarbeiter beschäftigen die Kinder- und Jugendhilfe.

Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Die Sozialeinrichtung „Netz“, die im Auftrag der Tiroler Kinder- und Jugendhilfe (KiJu) suchtkranke Jugendliche betreut, kommt auf den Prüfstand der zuständigen LR Gabriele Fischer. Wie von der Tiroler Tageszeitung berichtet, gibt es Vorwürfe und Beschwerden gegen das Einzelunternehmen, das vom Psychologen Gerald Thurnher geführt wird.

Nicht alle Mitarbeiter mit schriftlichem Dienstvertrag

Unter anderem haben nicht alle der 42 „Netz“-Mitarbeiter einen schriftlichen Dienstvertrag, Jugendliche in Notlage sollen in einer Wohnung untergebracht worden sein, die der Immobilienfirma Ikarus gehört, in der Thurnher als Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter fungiert. Offen bleibt auch die Frage, wie es vom Dezember 2017 bis September 2020 zum Tod von fünf Jugendlichen gekommen ist, die vom „Netz“ betreut worden waren. Auf Anfrage der Tiroler Tageszeitung erklärt man im Büro der KiJu: „Im Falle eines Todes eines Jugendlichen erfolgt immer eine fachlich-inhaltliche Prüfung der Umstände. Derzeit läuft aber von Seiten der KiJu eine Prüfung von neuen Beschwerden über die inhaltliche Arbeit des Trägers.“

Das gibt auch dem Vater des letzten Todesopfers (Name der Redaktion bekannt) Hoffnung. Er kämpft seit Langem darum, dass die Umstände, die zum Tod seines Sohnes geführt haben, nochmals überprüft werden. Seine Kritik richtet sich aber auch allgemein gegen die mangelnden bzw. fehlenden Qualitätskon­trollen bei den von der KiJu ausgelagerten 37 Einrichtungen, die mobile Betreuung und Volle Erziehung anbieten. Zudem fordert er, dass die Qualitätskontrollen ausgelagert werden. „Eine Qualitätskontrolle kann nur von einer neutralen Einrichtung wirkungsvoll sein, welche bestimmte Fälle über Wochen begleitet und daher erst eine Bewertung treffen kann.“

Dass für alle Mitarbeiter schriftliche Dienstverträge bestehen müssen, hat die KiJu laut eigenen Angaben schon länger eingefordert. „Der Träger wurde im Rahmen der laufenden wirtschaftlichen Prüfungen immer wieder auf die Notwendigkeit der schriftlichen Arbeitsverträge hingewiesen. Der Träger hat in der Vergangenheit auch mehrmals zugesichert, dies umzusetzen. Im Sinne der engagierten Mitarbeiter ist es unumgänglich, dass ihre Arbeit durch schriftliche Dienstverträge abgesichert ist, und sie haben hier die volle Unterstützung des Landes“, so die Antwort an die Tiroler Tageszeitung.

In den Fokus der KiJu rückt zudem die Ikarus. „Derzeit wird geprüft, ob es im konkreten Fall eine Unvereinbarkeit gibt.“ Wohnungen, die im Rahmen der Leistungsverträge angemietet werden, müssen der Abteilung gemeldet werden und „werden im Wege der Stichprobenkontrolle durch Einsicht in Mietverträge geprüft“. Dass betreute Kinder in eine der Ikarus-Wohnungen untergebracht wurden, war „der Abteilung bis zu den Standard-Recherchen nicht bekannt“, heißt es.

„Es ist mir unverständlich, wie das Land eine Leistungsvereinbarung mit einem Einzelunternehmen abschließen kann.“ – Harald Schweighofer
 (GPA Tirol)
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Warum man beim Land erst jetzt reagiert, verwundert den ehemaligen Betriebsrat des Netzes, Gregor Sanders, der inzwischen entlassen wurde. „Ich habe der KiJu bereits am 17. Jänner eine achtseitige Liste mit arbeitsrechtlichen und fachlichen Mängeln zukommen lassen“, sagt Sanders. Vorletzte Woche hat Sanders mit Unterstützung der Gewerkschaft GPA Klage gegen seine Entlassung eingereicht. „Die Entlassung geschah zu einem Zeitpunkt, an dem ihm noch ein Kündigungs- und Entlassungsschutz zugestanden ist“, sagt GPA-Tirol-Geschäftsführer Harald Schweighofer und fügt hinzu: „Es ist mir unverständlich, wie das Land eine Leistungsvereinbarung – die zum Schutz der betroffenen Jugendlichen und Beschäftigten gelten soll- mit einem Einzelunternehmen abschließen kann, wo es im Prinzip keine internen Kontrollmechanismen gibt.“

Gerald Thurnher wollte zu keinem der Vorwürfe eine Stellung abgeben. Er wurde vorletzte Woche per Mail zu einem Gespräch eingeladen, letzte Woche per Telefon zu einer Stellungnahme. Alle Versuche einer Kontaktaufnahme blieben unbeantwortet.

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