Kovan: Mutters letzter Wunsch als Suche nach sich selbst

  • Artikel
  • Diskussion
Ayse (Meryem Uzerli) kehrt aus Deutschland zurück in die Türkei.
© Caba Film

Innsbruck – Ayse (Meryem Uzerli) kommt gerade noch rechtzeitig aus Deutschland zurück in das heimatliche, abgelegene Bergdorf an der Schwarzmeerküste. Ihre Mutter liegt im Sterben.

Sie habe keine Angst vor dem Tod, beruhigt sie die Tochter am Sterbebett. Doch bevor sie stirbt, gibt sie ihr noch eine Bitte mit auf den Weg: Sie solle sich um ihre geliebten Bienen kümmern. Außerstande, den letzten Wunsch zu missachten, stellt sich die junge Frau ihrer Angst vor Bienen. Das bedeutet auch, sie bleibt am Ort ihrer Kindheit. Aus Deutschland kommt lediglich ein Anruf, der andeutet, dass dort auch nicht alles im Reinen ist.

Rückkehr zu einem Ursprung

„Kovan“ ist somit nicht unbedingt ein Film über Migration und zwei Heimaten. Es geht um die Rückkehr zu einem Ursprung, und das durchaus im Sinne Rousseaus. Doch auch für Ayse ist das „Zurück zur Natur“ nicht einfach. Die Kreuzung der kaukasischen Bienen mit einer englischen Königin missfällt nicht nur dem Gehilfen (Hakan Karsak). Neuerungen jeglicher Art sind hier nicht gern gesehen. Und dann attackiert auch noch ein Bär die Bienenstöcke.

Tiroler Zuschauer können die Debatte um einen geschützten Problembären gut nachvollziehen. Für Ayse ist sie neu, auch wenn sie sich mit dem Wildbetreuer Ilker (Feyyaz Duman) gut versteht. Auch er ließ das städtische Leben hinter sich, um hier neu anzufangen.

TT-ePaper gratis lesen und ein E-Bike gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen. Der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Regisseurin Eylem Kaftan hat den von ihrer eigenen TV-Doku „Biçiftlik“ inspirierten Debütfilm im türkischen Artvin gedreht, nahe an der georgischen Grenze (und den Tiroler Wäldern gar nicht unähnlich). Das gibt der Geschichte kraftvolle Bilder mit einer fast schon magischen Surround-Geräuschkulisse.

Kovan (The Hive/Keeping the Bees)

Derzeit auf Netflix.

Hauptdarstellerin Meryem Uzerli überzeugt als selbstbewusste Imkerin, die die Konfrontation mit der Vergangenheit und den Bienen immer unsicherer macht. Sie sucht sich selbst in der türkischen Provinz, ähnlich den Rückkehrern in Fatih Akins großartigem „Auf der anderen Seite“.

„Kovan“ erinnert aber vor allem an „Honeyland”, die Oscar-nominierte Doku über eine mazedonische Imkerin, die Ayses Mutter sein könnte. Das Bienensterben steht auch hier für den Verlust der Natur und die Veränderung. Darauf spielt auch der englische Titel „Keeping the Bees“ an. „Kovan“ ist ein einfacher, stimmungsvoller Festivalfilm, wie er in einem normalen Jahr in Innsbruck beim IFFI oder den Naturfilmtagen zu sehen wäre. Nun bietet Netflix die Chance dazu. (maw)


Kommentieren


Schlagworte