Daniel Wissers neuer Roman „Wir bleiben noch“: Amour fou eines Kulturpessimisten

Daniel Wisser beschreibt in „Wir bleiben noch“ das Auseinanderbrechen einer Familie vor dem Hintergrund privater und politischer Umwälzungen.

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Daniel Wisser, Jg. 1971, ist österreichischer Buchpreisträger des Jahres 2018.
© Nurith Wagner-Strauss

Von Markus Schramek

Innsbruck – Victor, die Hauptfigur in Daniel Wissers neuem Roman „Wir bleiben noch“, steuert auf Ende 40 zu. Als Mannsbild weiß man, was das bedeuten kann: „Midlife crisis voraus!“ Alles bisher Gewesene wird in Frage oder gleich auf den Kopf gestellt.

Und so durchwatet Victor manches Wechselbad, in vielen Details und über fast 500 Romanseiten, die sich abschnittsweise ziemlich ziehen. Dem vom Leben Gebeutelten geht fast alles auf den Geist: SUV-Fahrer allgemein und solche mit Kennzeichen MD (Mödling) ganz speziell. Stand-up-Paddling findet er lächerlich, Smartphones gefährlich (ständiges Wischen = ständige Überwachung).

Das größte Ärgernis fehlt in der Aufzählung aber noch: Österreichs total verkommene (Innen-)Politik. Als bekennender Sozi, eine aussterbende Spezies, hat der mittelalte Kulturpessimist Victor auch wenig Grund zur Freude. Er, der mit gutem Grund den Vornamen jenes Mannes (mit Nachnamen Adler) trägt, der eine vormals staatstragende Partei roten Zuschnitts gegründet hatte.

Auch Victors Elternhaus war einmal tiefrot. Man hat vom Aufschwung der Kreisky-Ära profitiert, konnte studieren, sich ein Häuschen (wenn auch in Mödling) leisten, mit hübschem Auto in der Einfahrt. Doch neuerdings macht Victors Mutter Irmgard, „Garantin für schlechte Laune“ und Inhaberin eines SPÖ-Parteibuchs, bei der Stichwahl zum Bundespräsidenten ihr Kreuzerl beim Rechtspopulisten. O tempora, o mores!

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Wisser ersinnt ein fragiles Familiengeflecht. Schon ein zartes Lüftchen würde genügen, um diese lose Aufstellung von Charakteren in alle Winde zu zerstreuen. Doch Victor löst, Herz über Kopf, gleich einen Orkan aus.

Schon seit Jugendtagen ist der Schwerenöter in seine Cousine Karoline verschossen. Dreißig Jahre hat er das für sich behalten. Karoline lebte als Ärztin im Ausland, das machte das Abstandhalten leichter. Jetzt ist sie wieder im Land, wie Victor hat sie eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Und nun, in reiferen Jahren, gibt es für beide kein Halten mehr: Kleidung runter und ab in die Bettstatt, heißt es bei jeder Gelegenheit. Schließlich gestehen die zwei ihre Amour fou auch dem Rest der Welt.

Die Reaktionen sind einigermaßen konträr: „Ist nicht verboten“, lautet juristisch knapp der Befund von Victors Anwältin. „Ihr seid pervers und krank, eine Schande für die Familie“, geißeln Victors und Karolines Mutter die Liaison ihrer erwachsenen Kinder. Der endgültige Bruch ist vollzogen, die Hochzeit des spätberufenen Paares findet im kleinsten Rahmen statt.

Autor Daniel Wisser gewann 2018 mit „Königin der Berge“ den Österreichischen Buchpreis. Der gebürtige Kärntner ist ein bekannt politischer Kopf. Er will hinsehen und benennen, was ihn anficht. Wissers aktuelle Kernfigur Victor stimmt mit ein in den Abgesang auf die Sozialdemokratie. Seitenhiebe auf aktives Politpersonal, wie den Studienabbrecher im Bundeskanzleramt, dürfen nicht fehlen. Wisser bemüht manches Klischee, wenn er den ungetauften Victor über alles Kirchliche lästern lässt. Allzu schwarz-weiß gerät die Einteilung des politischen Spektrums in Links versus Rechts. Das Erstarken neuer Parteien wäre ohne Verfehlungen der alten kaum möglich.

Final wählen Wissers Romanfiguren Victor und Karoline den Rückzug (ins geerbte Haus der Großmutter auf dem Land) statt einer Revolution wenigstens im Kleinen. Das Paar kapselt sich ab vor gesellschaftlichen Veränderungen, die es nicht erträgt.

Das Feuer einer lange aufgesparten Liebe flackert bald schon auf kleinerer Flamme. Immerhin stehen die beiden zueinander und zeigen so etwas wie Haltung in einer Zeit des Beliebigen und des Austauschbaren.


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