„Möge es wieder zu Herzen gehen“: Neue Aufnahme von „Missa Solemnis“

Beethovens „Missa Solemnis“ in einer neuen, grandiosen Einspielung unter der Leitung von René Jacobs.

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René Jacobs.
© imago stock&people

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Beethovens enge Naturverbundenheit gehört untrennbar zu seinem Wesen und Werk. Ebenso eng zu ihm gehörig, wenn auch dem breiten Publikum verschlossener, ist seine Gläubigkeit, ausgeprägt in einem sehr persönlichen Katholizismus. Seine „Missa Solemnis op. 123 in D-Dur“ ist vielen Musikfreunden und selbst Interpreten noch immer ein Rätsel. Überschrieben ist das Unfassbare mit den Worten: „Von Herzen – Möge es wieder zu Herzen gehen!“

Geplant war die große Messe, übrigens zu Lebzeiten des Komponisten nie vollständig aufgeführt, für das feierliche Hochamt 1819 anlässlich der Inthronisationsfeier des Erzherzogs Rudolph von Österreich zum Erzbischof von Olmütz. Aber Beethoven schaffte den Termin nicht, seine hohen Selbstansprüche verlangten noch drei Jahre Zeit. Die Messe wurde ein schwieriges Meisterwerk.

René Jacobs hat sich nun auch der Missa zugewandt und kann dem Hörer mit seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit, speziellen Musikempfindung und der ihm eigenen philologischen Grundausstattung einen neuen Zugang eröffnen. Einmal mehr teilt er im Booklet in einem fabelhaften Interview aufschlussreiche Aspekte seiner Arbeit mit. Auch hier entwickelt er sie aus dem historischen Kontext.

Der RIAS Kammerchor ist, bezeugt durch ein Foto, seitlich aufgeteilt rechts und links vom ebenfalls stehend spielenden Freiburger Barockorchester postiert, das mit Polina Pastirchak (Sopran), Sophie Harmsen (Mezzosopran), Steve Davislim (Tenor) und Johannes Weisser (Bariton) stimmschlank besetzte Solistenquartett hinter dem Orchester. Das gibt dem grandiosen Chor eine seltene Wortdeutlichkeit und Transparenz, den Solisten wiederum, die der Dirigent als Engel deutet, eine „Stimme von oben“.

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Die Instrumentalisten bringen hohe Qualität und Jacobs-Vertrautheit ein und die Kunst, historische Informiertheit und dynamische Reaktionsschnelligkeit in eine expressive Intensität und Inhaltsbezogenheit zu verwandeln. Da geht es nicht um architektonisches Türmen, sondern um ein Aufleuchten, Inspirieren und Zusammenfinden aus verschiedenen Positionen.

Jacobs fährt nicht drüber über diese Partitur, er weiß, wie wichtig Beethoven „die theologischen und historischen Hintergründe der dogmatischen Text-Abschnitte“ waren, wie überhaupt die Bedeutungsebenen des liturgischen Textes. Er zeigt die gefühllosen Stellen der Messe, wenn es um die Institution Kirche geht, und den bewegenden Zauber schlichter Gläubigkeit wie im Benedictus. Er kostet mit forschen Tempi die raschen Bedeutungswechsel aus, Heftiges und Zartes, das Ambivalente. Es geht Jacobs in seiner neuen, großartigen, hilfreichen Deutung nicht um eine festgebaute Theologie, sondern ohne Anspruch auf totale Entschlüsselung um den transparent flutenden Blick auf Beethovens individuellen Glauben mit den lebenslangen Zweifeln an Gott und der Welt.

Sakrale Klassik René Jacobs: Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis. Mit dem RIAS Kammerchor Berlin, dem Freiburger Barockorchester und Solisten. Harmonia Mundi.


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