Kunst, die sich in Architektur reinreklamiert

„Kunst am Bau“ heute und früher: Die Entwicklung zeigt, von welch zentraler Bedeutung die frühzeitige Zusammenarbeit von ArchitektIn und KünstlerIn ist.

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Mega-Projekt von Peter Sandbichler: Das Betonportal wird gegossen, die Holzschalung dafür wurde bereits angebracht. 200 kleine Pyramiden werden sich beim Gießen in den Beton stempeln. Am Ende ist das Muster beim Eintritt ins Gebäude aus der Untersicht zu sehen.
© Rudy de Moor

Von Edith Schlocker und Barbara Unterthurner

Innsbruck – Das Bewusstsein, Kunst als integralen Teil von Architektur zu begreifen und sich das auch einen kleinen Teil der Bausumme kosten zu lassen, ist bei öffentlichen Bauträgern, aber auch einer Reihe von gemeinnützigen, wie etwa der Neuen Heimat Tirol, inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Wobei die „Kunst am Bau“ genauso wie die Architektur im Idealfall über meist geladene – und fachlich kompetent jurierte – Wettbewerbe ermittelt wird. Von zentraler Bedeutung ist, dass die „Kunst am Bau“ von Planungsbeginn an auf Augenhöhe mitgedacht und nicht – wie früher einmal – als behübschendes Anhängsel in die fertiggestellte Architektur implementiert wird. In ein mehr oder weniger prominentes Eckchen gestellt, bis sie oft nach nicht allzu langer Zeit im Nirgendwo verschwindet.

Besonders wichtig ist die frühzeitige Zusammenarbeit von KünstlerInnen und ArchitektInnen bei groß angelegten Rauminterventionen, wie es etwa die Findlinge sind, die Georgia Creimer vor einigen Jahren beim Neubau der Innsbrucker Universitätsbibliothek in einen ihrer Innenhöfe gelegt hat. Oder aktuell – ebenso auf dem Uni-Areal, dort wo die alte Chemie stand – mit dem „Portal“ von Peter Sandbichler, das Studierende ab dem Wintersemester 2022 in ein neues Büro- und Lehrgebäude führen wird. Der als Bogen konzipierte Eingang wird betoniert. Derzeit wird die Schalung finalisiert (siehe Bild oben), in den nächsten Tagen rückt der Betonmischer an. Ein ornamentales Muster von 200 Pyramiden stempelt sich dabei von unten in den Bogen. Für Sandbichler ist das Projekt eine „seltene Gelegenheit“ für einen Bildhauer, sich mit einer Arbeit dermaßen „in die Architektur reinzureklamieren“. Zum Vorbild nahm sich der Kufsteiner Künstler die Ornamentik orientalischer Portale, Bezug genommen wird auch auf eine Theorie des Physikers Douglas R. Hofstaedter, die zeigt, dass durch allmähliche Transformation eines Musters ein zeitliches Moment entsteht. Auch Sandbichlers Ornament wird durch Rundung und Schräge langsam variiert – eine Veränderung, die das Auge aus der Untersicht nicht in einem erfassen kann, erklärt der Künstler.

Per Kran wurden die zwei je vier Tonnen schweren „Studierenden“ Helmut Millonigs in den Innenhof der Pädagogischen Hochschule gehievt.
© Thomas Boehm / TT

Seine Lösung für den Eingang überzeugte BIG Art, die Kunstprojekte an ausgewählten Projekten der Bundesimmobiliengesellschaft realisiert. Für das Projekt auf dem Uni-Areal wurden 200.000 Euro budgetiert. Zurzeit betreut BIG Art außerdem ein Projekt am BG/BRG Sillgasse.

Wenn man will ist der Vorteil von „Kunst am Bau“, die nicht integraler Teil der Architektur ist, dass sie auch nach einem Umbau nicht obsolet werden muss. Wie die zwei „Studierenden“, die der Tiroler Bildhauer Helmut Millonig 1979 als Gewinner eines Wettbewerbes für die damalige PädAk – heute Pädagogische Hochschule Tirol – geschaffen hat. Fünf Monate war der inzwischen 92-jährige Künstler damit beschäftigt, die zwei je vier Tonnen schweren Skulpturen aus zwei mächtigen Blöcken Veroneser Marmor herauszuarbeiten.

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Nach dem inzwischen fast fertiggestellten Um- bzw. Neubau der Pädagogischen Hochschule sind die einander zugeneigten „Studierenden“ jetzt per riesigem Kran in den neuen Innenhof gehievt worden. Dass der „von Fantasie beflügelte Spirit“ der Figuren ins neue Gebäude übersiedelt wird, freut Hans Christian Ringer, den stellvertretenden Kulturbeauftragten der Hochschule, ganz besonders, kenne er die Skulpturen doch schon aus seiner Studienzeit.


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