Roos van Haaften im Inn situ: Flüchtiges Echo im hellen Theaterlicht

Die Lichtwerke der Künstlerin Roos van Haaften sind filigrane Re-Inszenierungen und erzählen von Tiroler Pionierinnen. Ab morgen im Inn situ.

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Einblicke in „Light Works. Re-Risch-Lau“: links eine Arbeit aus der Postkartenmotiv-Serie, rechts abstrakte Lichtbilder der Künstlerin.
© van Haaften

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es passiert immer wieder einmal, dass übereifriges Reinigungspersonal vornehmlich Gegenwartskunst verräumt, unabsichtlich entsorgt. Auch Roos van Haaftens Kunstwerken ist dieses Schicksal schon widerfahren. Denn wenn das Licht aus ist, bleibt bei ihr fast nichts mehr als Kunst Erkennbares übrig: Alltagsgegenstände, Arbeitsmaterialien wie Folienstücke, eine Feder, ein Bleistift liegen da auf gläsernem Grund lose ausgelegt. Erst wenn das Theaterlicht angeht, werden diese Dinge lebendig, an der Wand zu flüchtigen Landschaften. Das Bild wird mit Schatten gezeichnet. Wie das genau funktioniert, davon kann man sich ab morgen im Inn situ der BTV in Innsbruck überzeugen. Für diesen Raum hat van Haaften die Ausstellung „Light Works. Re-Risch-Lau“ entwickelt.

Die meisten Landschaften dürfte das Tiroler oder Vorarlberger Publikum erkennen, zeigen die filigranen Lichtbilder doch die Nordkettenbahn, das Hotel Silvretta-See oder die Seegrube. Selbst erdacht sind die Motive nicht, sie sind vielmehr aufwändig re-inszeniert. Weil die Inn-situ-Projekte stets auf einen Tirol-Bezug ausgelegt sind, beschäftigte sich van Haaften für ihre Ausstellung mit der Tiroler Fotografiegeschichte und im Besonderen mit der Geschichte von zwei Foto-Pionierinnen. Die Pitztaler Schwestern Anna Katharina und Barbara Lentsch zogen schon Mitte des 19. Jahrhunderts als Wanderfotografinnen durch die Lande und fertigten Porträts auf schweren Glasplatten. Ihre Nachfahrinnen fertigten später vor allem pittoreske Landschaftsaufnahmen. 1957 entstand daraus der Verlag Risch-Lau, in Westösterreich lange Zeit der Anbieter von Ansichtskarten. Bis in die 80er-Jahre war der Betrieb in Innsbruck und Bregenz angesiedelt. Erst in der Folge seiner Auflösung gelangte das „Risch-Lau-Archiv“ in die Vorarlberger Landesbibliothek.

Auf 40.000 Motive konnte die 37-jährige Künstlerin für ihre Ausstellung zugreifen. Entstanden ist schlussendlich eine Reihe von 13 Lichtarbeiten, die sich zwischen Fotografie, Skulptur und Zeichnung bewegen, sich aber auch nicht wirklich einordnen lassen wollen. Denn ohne das Licht aus dem Theaterscheinwerfer am Boden passiert nichts: Der Schatten eines Bleistifts wird kein Kirchturm, Folienbögen bäumen sich nicht zum Bergmassiv auf und aus einer Muschel wird kein Tunneleingang.

Dass van Haaften bei ihrer Kunst aus ihrer Erfahrung im Theaterbereich schöpft, merkt man der Schau an. Inn-situ-Leiter Hans-Joachim Gögl, der aus der Musik kommt, gelang zuletzt im Einbeziehen anderer Disziplinen immer wieder eine überraschende Neubetrachtung zeitgenössischer Kunst. So auch bei van Haaften.

Der Ausstellungsraum, der sich einmal mehr gänzlich neu präsentiert, unterliegt jetzt einer bestimmten Dramaturgie. Zunächst, als Art Ouvertüre, lernt man van Haaftens Werke in Form einer raumgreifenden Installation kennen, ohne bestimmtes Motiv, abstrakt und poetisch – ein wirkliches Highlight der Ausstellung. Bevor man in den Hauptraum mit den 13 Bergmotiven wechselt, führen Original-Postkarten dann in das eigentliche Projektthema ein. Einige von ihnen sind beschriftet und dürften in Umlauf gewesen sein. Sofort wird klar: Es sind diese Ansichten von Tirol, die unser Bild des Landes prägten. Und Touristen zu locken hatten – ohne ein Stück Landschaftskitsch kam man hierbei kaum aus.

Ganz anders sind die Re-Inszenierungen (korrespondierend mit dem Titel „Re-Risch-Lau“) von van Haaften. Statt Kitsch ist es die verblassende Erinnerung an eine einst heile Welt, das Filigrane, das Staunen hervorruft. Ein etwas zu starker Luftzug könnte die Arbeit unabsichtlich zerstören. Ihre Materialien sind übrigens nicht zufällig gewählt: Alle Gegenstände hat van Haaften in der Landschaft aufgelesen – der Materialwert der Werke geht gegen null. Gleichzeitig wirft ihre Praxis des Recyclings Fragen über unseren Umgang mit Umwelt auf. Das passt wiederum zur Flüchtigkeit ihrer Lichtbilder: Die einst unendlichen Schneelandschaften sind heute ja längst angezählt.

📍 Inn situ. Stadtforum 1, Innsbruck; bis 17. Juli, Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr.


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