Suizidraten laut Studie auch in Corona-Zeit etwa gleich

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Im Großen und Ganzen sind die Suizidraten in den reichen Staaten bzw. Regionen während der ersten Phase der Covid-19-Pandemie in etwa gleich geblieben oder sogar gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie mit österreichischer Beteiligung, die am Dienstag in „Lancet Psychiatry“ erschienen ist. In Österreich dürfte die Zahl der Suizide in Wien allerdings vorübergehend gestiegen sein.

„Das ist die erste Studie, welche die Suizide im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie in mehreren Staaten untersucht hat. In Ländern mit hohem Bruttosozialprodukt oder einem der ‚oberen Mittelklasse‘ blieb die Zahl der Suizide größtenteils gleich oder sank in den ersten Monaten der Pandemie im Vergleich zu den erwarteten Zahlen auf der Basis der Zeit vor Covid-19“, schreiben Janke Pirkis vom Zentrum für psychische Gesundheit der Universität Melbourne und die Co-Autoren in ihrer Zusammenfassung.

Insgesamt wurden - vor allem wegen der unterschiedlichen Zeitperioden für national verhängte Lockdowns - drei Auswertungen mit unterschiedlichen Zeiträumen durchgeführt: In einer Primäranalyse ging es um die Periode vom 1. April 2020 bis zum 31. Juli 2020 (und einem Vergleich vom 1. Juli 2019 bis 31. März 2020). In der zweiten Analyse wurde der Zeitraum vom 1. April 2020 bis längstens 31. Oktober 2020 betrachtet (im Vergleich zumindest mit Daten vom 1. Jänner 2019 bis 31. März 2020). Die zweite Analyse sollte mögliche längerfristige Effekte der Covid-19-Pandemie erkennbar machen. In der dritten Auswertung ging es um den Zeitraum vom 1. März 2020 bis 31. Juli 2020 (Vergleich: zumindest vom 1. Jänner 2019 bis 29. Februar 2020).

In zwölf Staaten bzw. Regionen zeigte sich ein statistischer Hinweis auf einen Rückgang der Häufigkeit von Suiziden. In New South Wales in Australien verringerte sich in der Primäranalyse die Suizidhäufigkeit beispielsweise um 19 Prozent, in British Columbia (Kanada) um 24 Prozent. In Leipzig wurde gar ein Rückgang um 51 Prozent beobachtet, in Texas (USA) um 18 Prozent. Chile wies eine um 15 Prozent geringere Suizidrate auf.

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In Österreich wurden die Daten aus Kärnten, Tirol und Wien in die Studie aufgenommen. Unter den österreichischen Co-Autoren finden sich beispielsweise Herwig Oberlerchner (Klinikum Klagenfurt), Thomas Niederkrotenthaler (MedUni Wien), Georg Psota (PSD-Wien) etc. Für die erste Periode (1. April bis 31. Juli 2020) wurden in Kärnten 36 Suizide registriert. Zu erwarten gewesen wären laut den Vor-Covid-Zahlen 30. Das bedeutete ein Plus von 21 Prozent. In Tirol wurden 31 Suizide registriert (zu erwarten: 41; somit 20 Prozent weniger). In Wien gab es 48 Suizide (45 vorausberechnet). Mit dem Faktor 1,07 blieb die Situation also gleich.

In der zweiten Analyse (1. April bis längstens 31. Oktober 2020) kam es in Kärnten zu 43 Suiziden (zu erwarten: 36; Steigerung um 19 Prozent). In Tirol lag in dieser Analyse die Zahl der Selbsttötungen bei 58 (vorausberechnet 65; minus elf Prozent). In Wien begingen hingegen im Vergleich zu den vorausberechneten 77 Fällen 101 Personen Suizid, was einer deutlich höheren Zahl in diesem Covid-19-Zweitraum entsprach. Die Autoren bezeichnen die Bundeshauptstadt hier als einen „Ausreißer“: „Wien zeigte statistische Hinweise auf eine Zunahme von Suiziden (plus 31 Prozent; Anm.) relativ zu der zu erwartenden Zahl ...“. In Japan und in Puerto Rico wurde eine deutlich geringere Zunahme registriert.

In der dritten Auswertung (1. März 2020 bis 31. Juli) zeigten sich Kärnten (40 registrierte Suizide, 40 zu erwarten) und Tirol (46 erfolgte Suizide, 49 zu erwarten; minus sieben Prozent) stabil. In Wien wurden 62 Fälle registriert (53 zu erwarten). Das bedeutete plus 18 Prozent.

Die Wissenschafter führen die weitgehend stabilen Zahlen während der frühen Phase der Covid-19-Pandemie auf zwei Faktoren zurück: In den reichen Staaten und Regionen sei die psychosoziale Betreuung zum Teil deutlich verstärkt worden. Außerdem hätten die Regierungen Maßnahmen gegen einen wirtschaftlichen Kollaps ergriffen. Die Studie sei aber nur ein Schnappschuss der ersten Zeit mit SARS-CoV-2.

Doch, so Studien-Erstautorin Jane Pirkis: „Wir müssen die Zahlen weiter beobachten und bei jedem Anstieg der Suizide alarmiert sein. Ganz speziell dann, wenn die vollen wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie offensichtlich werden.“


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