„Richard II.“: Vor Burgtheater-Vorpremiere in Bregenz

  • Artikel
  • Diskussion

Dieser „Richard II.“ hat lange gebraucht, um auf die Bühne zu kommen. Die Premiere der Neuinszenierung von Johan Simons war ursprünglich für November 2020 geplant, wurde zunächst auf 2. Dezember und danach auf unbestimmte Zeit verschoben. Weil in Vorarlberg derzeit Vorstellungen stattfinden können, reiste das Burgtheater nun nach Bregenz. Gestern, Dienstag, begann der Aufbau der Bühne im Festspielhaus. Am Samstag und Sonntag spielt man hier zweimal als Vorpremiere.

Die Burgtheater-Truppe (Ensemble, Technik, Gewerke, szenischer Dienst und Teile des Leading-Teams) umfasst 35 Personen. Die Proben in Bregenz beginnen am Donnerstag, Johan Simons wird sie vor Ort selbst leiten. Sein radikal bis auf den Kern reduzierter „Woyzeck“ aus dem Frühjahr 2019 ist noch in guter Erinnerung. Bei Shakespeares „Richard II.“ kündigt der Regisseur indes Texttreue an - wenn auch auf seine Weise. So befragt er in dem vergleichsweise selten gespielten Königsdrama vor allem Shakespeares Frauenbild. Die Rolle der Königin Isabel wird aufgewertet, Bolingbroke wird mit Sarah Viktoria Frick überhaupt von einer Frau gespielt.

„Es ist ein Glück im Unglück, wenn auch das Unglück viel größer ist als das Glück“: Die derzeitigen Coronamaßnahmen haben es den heimischen Theatern in den vergangenen Wochen erlaubt, weiter zu proben. Der niederländische Regisseur hat die viele Bühnenzeit für seine Proben ausgenützt und in Wien bis 20. Februar geprobt - soweit das Glück. Wann in Wien Premiere gefeiert werden kann, kommt auf die weitere Entwicklung des Unglücks an. Von Unglück geprägt ist auch das Leben des englischen Königs Richard II. Seit er zehn Jahre alt ist, sitzt er auf dem Thron, ist als Partykönig verschrien.

„Er weiß überhaupt nicht, wie es ist, kein König zu sein. Das ist sein Problem. Er hat sich nicht als eigenständiger Mensch entwickelt, sondern als König. Und wenn ihm am Ende gesagt wird, dass er nicht mehr König ist, dauert es sehr lang, bis er das versteht; schließlich bleibt ihm nichts als aufzugeben.“ So fasste Simons im APA-Interview vor etlichen Wochen die Psyche seines Protagonisten zusammen, den er mit Jan Bülow, der zuletzt im Kino Udo Lindenberg verkörperte, besetzt hat. „Jan Bülow hat eine Leichtigkeit, unter der eine Tiefe steckt, die er selbst mitbringt“, so Simons.

Dass „Richard II.“ vergleichsweise wenig gespielt wird - zuletzt war das Werk 2010 als Gastspiel in der Regie von Claus Peymann sowie als Solointerpretation in der Regie von Cornelia Rainer am Haus zu sehen - liegt laut dem Regisseur möglicherweise daran, dass es im Gegensatz zu vielen anderen Shakespeare-Werken sehr persönlich ist. „Es ist ein Drama, das sich in der inneren Welt der Menschen abspielt. Und das ist ein Riesenunterschied zu ‚Hamlet‘ oder ‚Macbeth‘“. Es wird weniger gekämpft, es gibt weniger Tote. Und kaum Szenen, die für das Publikum zur Zerstreuung dienen. „Bei ‚Richard II.‘ ist der Konflikt von Anfang an da. Es gibt keine Einleitung.“ Vielmehr gehe Shakespeare hier „gleich mit der Kamera in die Seele der Figur, man kommt nicht langsam herein, sondern man sieht sofort, was los ist. Das reizt mich daran.“ Was er an Shakespeare schätzt, ist, dass „es ihm um die Seele geht. Er ist sehr gut darin, in die Haut der Figuren zu schlüpfen“. Aus diesem Grund könne man als Zuschauer „verstehen, warum die Figuren sagen, was sie sagen“.

Gespielt wird in der sehr heutigen Übersetzung von Thomas Brasch. „Er war fähig, ein eigenständiges Deutsch zu kreieren, in dem er jedem Wort eine eigene Welt verleiht“, so Simons. Auch den sparsamen Einsatz des Reims findet er schön. Gekürzt habe er wenig, allerdings hat er ganze Textteile Richards Ehefrau - Königin Isabel - in den Mund gelegt, die von Stacyian Jackson verkörpert wird. „Shakespeares Text bildet das damalige Frauenbild ab. Das finde ich nicht heutig. Und deswegen haben wir Stacyian mehr Text gegeben, damit sie mehr als Antreiberin Richards wirkt, damit sie eine größere politische Funktion bekommt“, erklärte Simons, der sich auch dazu entschieden hat, Richards Widersacher und Nachfolger Bolingbroke mit Sarah Viktoria Frick zu besetzen. Auch wenn die Pronomen männlich bleiben, spielt sie aber als Frau. „Bolingbroke ist ein cooler, intelligenter Typ. Und jetzt sieht man ihn als Frau, die Macht besitzt.“

Dass Isabel von einer Jamaikanerin gespielt wird, sei nur am Theater möglich. „Wenn man das in einem Film macht, ist das viel schwieriger. Daher hat Theater immer mit Befreiung zu tun.“ Auch vom eigenen Rassismus, wie der Regisseur, der in einem kleinen Dorf unter sehr konservativen Bedingungen aufgewachsen ist, einräumt.

Wer wäre Richard, der „Party King“, heute? „Vergleiche mit heutigen Personen werden Shakespeares Figuren nicht gerecht“, so Simons. Am ehesten würde er Richards Hof mit jenem des niederländischen Königshauses vergleichen. „Willem-Alexander kauft sich ein Speed-Boot um 2 Mio. und fliegt während des landesweiten Lockdowns in sein Ferienhaus in Griechenland. Das hat zu vielen Protesten in den Niederlanden geführt, sodass er zurückkommen musste.“ Darüber hinaus gebe es in „Richard II“ „natürlich Sätze, die mit der heutigen Politik zu tun haben“. Nachsatz: „Sonst müsste man es ja nicht spielen.“

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

)


Kommentieren


Schlagworte