Das filmische Werk von Maria Lassnig

In einer neuen Publikation samt DVD wird das frühe, filmische Werk von Maria Lassnig erstmals zugänglich gemacht.

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Bilder zum Körperbewusstsein: Die Künstlerin Maria Lassnig (hier im Studio, 1982) ist als Malerin bekannt, seltener als Filmemacherin.
© Lassnig-Stifung/Westermann

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –„So, das bleibt jetzt verschlossen“, soll Maria Lassnig Mitte der 1980er bemerkt haben, nachdem sie ihre experimentellen Filme aus New York mit ihrem Assistenten sortiert hatte. In eine Kiste gepackt, landete ihr filmisches Werk auf dem Dachboden. Es scheint, als hätte die Künstlerin, die heute zu den wichtigsten Künstlerinnen des ausgehenden 20. Jahrhunderts gezählt wird, an ihre frühen Filme nicht geglaubt. Sie bestimmte: Veröffentlicht werden können diese erst nach dem Tod.

Erst 2014 also sollten die Lassnig-Studenten Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko die Kiste auf dem Dachboden öffnen. Es sei ein Schatz zutage getreten, sagt Poschauko heute. Jetzt veröffentlicht das Österreichische Filmmuseum die Überblickspublikation „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ über ihr gesamtes filmisches Schaffen, inklusive Beiträgen zur weiblichen Filmszene in New York oder ausführlichen Gesprächen zur Res­taurierung Lassnigs unvollendeter früher Filme. Besonderes Special: Eine Auswahl, 16 Filme von Lassnigs „films in progess“ werden auf einer DVD ­mitgeliefert.

Nur zehn der Filme von Maria Lassnig gelten als „kanonisch“, also zu Lebzeiten regulär vertriebene Werke. „Kantate“ etwa, ein ironischer Lebensrückblick in 14 Strophen, in dem Lassnig verkleidet – mal Punkerin, mal Cowgirl, mal Femme fatale – ihren Werdegang besingt, gilt als ihr bekanntester Ausflug in den Film. Es war auch ihr letzter – die Künstlerin war schon 73.

Schon viel früher, ab den 1970ern, als die Künstlerin in New York weilte, begann ihr Interesse am Experimentalfilm. In dieser Zeit entstanden die jetzt auf der DVD enthaltenen, dokumentarischen Miniaturen vom Broadway, der pfiffige „Dog Film“ oder das trickreiche „Godfather I+II+III“ (1974). Bei Letzterem gibt Lassnig den Zaungast bei Francis Ford Coppolas zweitem Teil der Mafia-Trilogie und nimmt ein Little Italy der 70er auf, eine Gegenwart, in die eine konstruierte Vergangenheit drängt. In sich verschwimmende Elemente, übereinanderliegende Erzählungen machen den Charme des Fünfminüters (Teil I) aus.

Nach New York war Lassnig 1968 vor allem gegangen, um ihre Position als Künstlerin zu stärken – sie findet sich in den USA zwischen Künstlerinnen wieder, die sie bald in „Incorporating Woman Artist Filmmaker“ zusammenhält. Ihre Rollen sind Thema: Die Serie „Soul Sisters“ nahm ihren Anfang, charmante Porträts von Mitstreiterinnen. Auf der DVD „Films in progress“ ist etwa „Soul Sisters: Alice“ (1974/79) zu sehen, die eine junge Frau als nackte Künstlerin zeigt, sich auf schwarzem Samt räkelnd. Über ihr ein Feuerwerk aus Funken, ihre „boyfriends“ sind bloß Namen auf dem nackten Körper. In anderen Filmen arbeitet die Künstlerin mit Zeichentrickelemente, gemalten Bildern, Slow Motion.

Auch wenn ihr weibliches Selbstbewusstsein gefestigt wurde (das zeigen u. a. die handschriftlichen Aufzeichnungen, die der Publikation beigefügt wurden), ihr Können als Künstlerin hat Lassnig zeitlebens geringgeschätzt. Nachzulesen ist das auch in der Korrespondenz, die die Künstlerin mit Starkurator Hans-Ulrich Obrist unterhalten hat, die 2020 in Buchform erschien. Das Buch über ihr filmisches Werk wird ihren Status als Filmemacherin hoffentlich (posthum) stärken.

Sachbuch

Maria Lassnig. Das filmische Werk. Kondor/Loebenstein/Pakesch/Poschauko (Hg.), Filmmuseum/Synema, 192 Seiten, 24 Euro.


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