Experten arbeiten sich an der Sinnhaftigkeit der Lockdowns ab

Seit Monaten wird über die Sinnhaftigkeit von Lockdowns gestritten. Verhängt werden sie flächig.

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Was bringt ein Lockdown? Auf jeden Fall gilt er der WHO und der Politik als „letzte Wahl“.
© Thomas Boehm / TT

Innsbruck, Wien – Bereits im Oktober letzten Jahres legte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Kehrtwende hin. Die Organisation appellierte an die Staats- und Regierungschefs der Welt, „Lockdowns als primäre Bekämpfungsmethode“ der Pandemie hintanzustellen. Das Einzige, was durch Lockdowns erreicht werde, sei eine Steigerung der Armut. Landesweite Lockdowns seien die „letzte Wahl“. Die Warnung kam Anfang Oktober, Ende Oktober und im Dezember von WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Zu Jahresbeginn sorgt­e dann die US-Universität Stanford mit ihrer Studie zu den Lockdowns für Aufregung. Die Wissenschafter waren zum Schluss gekommen, dass Länder mit harten Lockdowns keinen Vorteil zu Ländern mit leichteren Maßnahmen hätten. Verfasst hatte die Studie John Ioannidis. Er gilt Corona-Kritikern als die Ikon­e, den Corona-Hardlinern als Feindbild.

Dementsprechend sorgte die Studie wochenlang für Aufregung und wurde von anderen Wissenschaftern zerpflückt. Das Urteil fiel vernichtend aus. Kritiker orteten schwerwiegende methodische Mängel. In Österreich wurde die Stanford-Studie von Gerald Gartlehner, dem Leiter von Cochrane Österreich, kritisiert. Cochrane ist eine wissenschaftliche Organisation, die Qualität und Aussagekraft medizinischer Studien nach genormten Kriterien prüft und als Instanz auf diesem Gebiet anerkannt ist.

International wie national zieht sich die Spaltung der Wissenschaft durch. In Österreich bezeichnete gestern der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Uni-Klinik für Innere Medizin, Günter Weiss, die Lockdown-Maßnahmen, wie sie etwa in Wien und Niederösterreich noch vorerst bis 2. Mai gelten, für nicht mehr zielführend. „Die Effizienz dieser Lockdowns hat sich abgenutzt. Die Maßnahme ist stumpf geworden, Lockdowns bringen nicht mehr viel hinsichtlich der Kontrolle des Infektionsgeschehens“, sagte Weiss im APA-Interview. Der Experte plädierte für Öffnungs­schritte im Mai.

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Der Lockdown habe zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr noch gut funktioniert, weil damals in der Bevölkerung eine „Schockstarre“ vorgeherrscht habe. Auch beim zweiten Lockdown im November habe er noch eine Wirkung gezeitigt. Beim dritten Lockdown nach Weihnachten sei die Wirkung dann schon bescheiden gewesen: „Da hat sich beim Infektionsgeschehen schon nicht mehr viel bewegt, sondern ist fast gleich geblieben.“

Auf der anderen Seite meinten die Innsbrucker Virologin Dorothee von Laer und Epidemiologe Gerald Gartlehner, dass ein regionaler Lockdown zu wenig sei. „Es wäre ein Irrsinn zu öffnen“, sagte Gartlehner gestern in einem Presse-Interview. Er forderte erneut einen letzten harten Lockdown. Ansonsten drohe die Mühsal aus Öffnen und Schließen bis in den Somme­r.

Mit Spannung erwartet wird, wie der neue Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein agiert. Der Allgemeinmediziner gilt als „Lockdown-Hardliner“. Er werde auch unpopuläre Entscheidungen treffen, wenn es nötig sei, meinte Mückstein. (TT)


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