Corona-Jahrgang an Schauspielschule muss selbstständig sein

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Die Zeiten dafür, ein „Lustspiel über Web, Wahn, Wunder & Werbung“ zu proben, waren auch schon lustiger. Dass der Abschlussjahrgang der Wiener Schauspielschule Krauss dennoch gerade mit Elan die Proben für „POST SCRIPTUM“ begonnen hat, liegt an zwei Umständen. Zum einen stehen die Chancen, am Ende dieses Corona-Schuljahres zumindest die Abschlussarbeit auf der Bühne zeigen zu dürfen, gut. Zum anderen wurde mit Igor Bauersima ein prominenter Autor und Regisseur dafür gewonnen.

„Die erste Leseprobe hat via Zoom stattgefunden, und Bauersima ist ja derzeit noch in der Schweiz. Wir waren immerhin 20 Leute. Es war ziemlich herausfordernd - und dennoch wunderbar“, erzählt Nerea Burger. Die gebürtige Deutsche ist eine von 14 Schülerinnen und Schülern des dritten Jahrgangs. Sie wird nicht nur ab 2. Juni bei der Uraufführung des Stückes im Wiener Schauspielhaus auf der Bühne stehen, sondern kümmert sich mit ihrem Kollegen Clemens Janout auch um PR- und Pressearbeit. In der Schauspielschule Krauss legt man Wert darauf, seinen Schützlingen nicht nur Sprechunterricht zu geben, sondern sie in vieler Hinsicht berufsfit zu machen. „Unsere Schüler werden sehr zur Selbstständigkeit erzogen“, betont Michaela Krauss-Boneau. „Das wird in den nächsten Jahren wichtiger sein als je zuvor.“

Krauss-Boneau (52) leitet die von ihrem Großvater, dem Burgschauspieler Helmuth Krauss, 1948 gegründete und von ihrem Vater fortgeführte Schauspielschule seit über 30 Jahren. Sie ist Österreichs einzige private Schauspielschule, die nach drei Jahren mit einem staatlich anerkannten Diplom abschließt. Oskar Werner und Karlheinz Böhm zählen ebenso zu den Absolventen wie Adele Neuhauser, Erni Mangold oder Manuel Rubey.

Lehrkörper und Studierende wurden vor einem Jahr von Corona kalt erwischt. Es wurde improvisiert. Sprechunterricht über Telefon oder Computer? Geht, wenn es nicht anders geht. Aber nicht alles konnte über Online-Unterricht abgefangen werden. „Wir haben heute noch offene Unterrichtseinheiten aus dem Vorjahr. Am härtesten hat es den Jahrgang erwischt, der in diesem Schuljahr gestartet ist. Die hatten keinen durchgängigen normalen Unterricht“, so die Leiterin in Gespräch mit der APA. „Zwei sind bereits abgesprungen.“ Zudem habe weder der zweite noch der dritte Jahrgang bisher die Möglichkeit gehabt, sich in den sonst üblichen „öffentlichen Arbeitseinblicken“ vor externem Publikum zu behaupten.

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Die wahre Herausforderung seien jedoch nicht die ungewohnten Rahmenbedingungen gewesen, sondern die Ungewissheit, die ständigen Veränderungen und auch die geringe Aufmerksamkeit seitens des Staates, erzählen Schulleitung und Schüler unisono. „Man hat deutlich die mangelnde Wertschätzung des Staates gegenüber den Künstlern gespürt. Uns wurde klar vermittelt: Wir sind nicht systemrelevant“, sagt Clemens Janout, der mit einem „extrem unsicheren Gefühl“ in die Zukunft blickt. Das gilt auch für die Job-Aussichten in den Theatern. „Das System ist gerade stehen geblieben.“ Bühnen, die unter Produktionsstau leiden und nicht wissen, wann sie wieder aufsperren können, haben derzeit andere Sorgen als sich beim Nachwuchs um Blutauffrischung ihrer Ensembles umzuschauen. Ein Publizistik-Studium an der Uni Wien und ein PR-Job am klagenfurter ensemble geben dem 24-jährigen Kärntner immerhin einen gewissen Rückhalt, wenn es nach dem Abschluss nicht gleich mit einem Engagement klappen sollte.

Auch Nerea Burger hat nicht alles auf eine Karte gesetzt. Die 29-Jährige, die schon als Kind am „Jungen Theater Bonn“ gespielt hat, hat in Bonn und Barcelona Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert und erst danach entschieden, das Theater zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen - ein Zeitpunkt, zu dem sie bei vielen Schauspielschulen bereits am Alterslimit scheiterte. So kam die Spätberufene an die Schauspielschule Krauss: „Hier hat auch die Stimmung sehr gepasst. Hier fühle ich mich wohl.“ Wie ihr Mitschüler Janout sieht auch sie ihre Zukunft weniger im bangen Warten, ob ihre abgeschickten Bewerbungen doch einmal nicht bloß „in Evidenz genommen“ werden, sondern in Eigeninitiative und Zusammenarbeit: „Ich glaube, es wird eher darauf ankommen, selbst etwas auf die Beine zu stellen.“

Einen ersten Versuch unternehmen sie gerade bei „POST SCRIPTUM“. Das extra geschriebene Stück, das „unsere heutige, nach online verlagerte Welt“ in kurzen, absurden, wie ein Facebook-Feed angeordneten Szenen darzustellen versucht, bietet auch Werbeflächen für Sponsoren. Im Angebot, das sie und Janout ausgearbeitet haben, gibt es von der durch Krauss-Schüler umgesetzten dreiminütigen Performance zum Einsatz auf den Social Media-Kanälen des Sponsors bis zum ins Stück eingebauten und live gespielten Werbespot viele originelle Ideen. „Noch können Interessenten zuschlagen“, versichern die beiden. Wenn wirklich alles gut geht, dann könnte ihre Abschlussarbeit ein witziges Postskriptum zur Coronakrise werden. Bis dahin heißt es jedoch: proben, proben, proben! Und natürlich: testen, testen, testen!

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