Esther Kinsky: „Fried hatte ethisch unanfechtbaren Blick“

  • Artikel
  • Diskussion

Am Sonntag wird die deutsche Autorin und Übersetzerin Esther Kinsky (64) im Wiener Literaturhaus mit dem Erich Fried Preis 2020 ausgezeichnet. Sie habe sich in ihrer Arbeit „der Erkundung und Überwindung der Fremde verschrieben“, begründete Jurorin Maja Haderlap ihre Entscheidung, „der Fremde als existenzieller, menschlicher Erfahrung, der Fremde zwischen benachbarten Sprachen und Literaturen“. Mit der APA sprach Kinsky über Erich Fried und Amanda Gorman, Sprache und Natur.

APA: Frau Kinsky. Was verbindet Sie mit Erich Fried?

Esther Kinsky: Er war der erste Dichter, den ich live gesehen habe, mit 13 Jahren auf einem sehr politischen Festival in einer kleinen Stadt am Rhein. Später habe ich lange in London gelebt, wo um ihn ein richtiger Mythos war. Jeder kannte Erich Fried. Mein inzwischen verstorbener Mann, der Übersetzer deutschsprachiger Literatur ins Englische war, hat auch Erich Fried übersetzt. Und natürlich kam man, wenn man in den 70er-Jahren politisch engagiert war, an Erich Fried nicht vorbei. Er hatte diesen ethisch unanfechtbaren Blick. In meinem Schreiben bin ich sehr weit weg von Erich Fried. Aber er war eine unglaublich beeindruckende, wichtige Figur.

APA: Die politische Botschaft stand bei ihm im Vordergrund. Auf den ersten Blick ist das mit Ihrem Schreiben schwer in Deckung zu bringen. Gibt es dennoch Schnittmengen, die sie verbinden?

Kinsky: Was ich sehr stark als eine Verbindung empfinde, ist Erich Frieds Verhältnis zur Sprache. Er hat geschrieben, dass sein Verhältnis zur deutschen Sprache sehr geprägt davon wurde, dass er mit dieser Sprache außerhalb eines Gebrauchs- und auch Missbrauchskontextes stand, weil er ja in England war. Ich habe ja auch die größte Zeit meines Erwachsenenlebens im fremdsprachigen Ausland verbracht. Entfernt vom Alltagsgebrauch entwickelt man dabei ein Verhältnis zur Sprache, das sehr stark auf Erinnerung beruht, aber auch auf einer ganz eigenen Auseinandersetzung, bei der die Fremde den Hintergrund bildet. Das ist ein ganz großer Unterschied zu Schreibenden in der Sprache, in der sie auch leben.

Jetzt eine von drei Tourenrodel oder Lunch-Set gewinnen

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

APA: Sie wurden im Vorjahr mit dem „Deutschen Preis für Nature Writing“ ausgezeichnet. Das scheint von Erich Fried sehr weit entfernt?

Kinsky: Dieser Preis widmet sich gezielt einer neuen Art der Naturbetrachtung. In der Sammlung von mir, die diesen Preis bekommen hat, geht es um die beiden großen Flüsse im Friaul, den Tagliamento und den Isonzo, zwei unglaublich von Geschichte geprägte Flüsse, die immer mehr verkiesen und versickern. Es ist ja auch ein politisches Statement, wenn man sich mit Zerstörung beschäftigt. Ich könnte aber nie die Dinge so genau wie Erich Fried benennen, ich müsste immer eine andere Art von Annäherung sprachlicher Art haben. Es geht darum, wie sich eine Landschaft verändert, wobei ich immer mehr den Ausdruck Gelände bevorzuge. Die Schichten von menschlicher Erinnerung und Geschichte interessieren mich. Meine Hoffnung ist, dass es den Blick verschiebt - und das wäre ja auch politisch.

APA: Verschiebt sich derzeit auch allgemein der menschliche Blick auf die Natur - angesichts eines absehbaren möglichen Abschieds von ihr?

Kinsky: Wahrscheinlich ist schon bei vielen Leuten ein Bewusstsein da, dass sich etwas Grundlegendes ändert. Es gibt aber schon seit langem eine Auseinandersetzung mit Stein als Bewahrer einer Erinnerung, die viel länger geht als die menschliche Erinnerung.

APA: Ihr jüngster Gedichtband heißt „Schiefern“...

Kinsky: Schiefer ist für mich ein interessantes Gestein, entstanden durch kurze, unglaublich massive Einwirkungen, etwa eine massive Stauchung durch Landmassenverschiebungen. Was in dem Band auch eine große Rolle spielt, ist das Reden über Natur. Man hat früher über Gestein mit einer merkwürdigen Ehrfurcht geschrieben. Die großen Geologen des 18. und 19. Jahrhunderts waren oft unglaublich interessante Autoren. Sie waren wohl die ersten, die eine Sprache finden wollten für etwas, wovon der Mensch ausgeschlossen war. Dieses Suchen nach der geheimnisvollen Vergangenheit vor dem Menschen hat wunderbare Texte hervorgebracht. In Ausdrücken wie Bergschweiß oder Bergtränen kommt das ganze Panorama menschlicher Regungen ins Spiel. Diese sprachliche Annäherung interessiert mich.

APA: Es wird auch eine Zeit nach dem Menschen geben - nur keine Sprache dafür, das auszudrücken.

Kinsky: Das ist eine interessante Überlegung. Da muss der Mensch begreifen, wie klein er ist. Es gibt eine riesige Zeit vor ihm, und es wird auch Zeit nach ihm geben. Wie riesig die ist, wird man natürlich nie wissen.

APA: Was muss ein fremdsprachiger Text haben, dass er Sie als Übersetzerin interessiert?

Kinsky: Für mich ist es immer wichtig, dass ich die Grenzen der eigenen Sprache damit ausdehnen und auf ihre Elastizität überprüfen kann. Mich interessieren Texte, in denen etwas mit Sprache passiert, das wirklich eine Herausforderung ist. Jede Sprache hat ihre Eigenheiten. Im Englischen ist es oft die unglaubliche Wortvielfalt, in slawischen Sprachen oder im Ungarischen die unglaubliche Komprimiertheit, die man erreichen kann. Das sind die Dinge, die mich am meisten interessieren. Und die Frage: Wie weit kann ich gehen im Brechen von Regeln, wenn ich nicht der ursprünglicher Schaffer bin?

APA: Olga Tokarczuk haben Sie übersetzt und dann einmal entschieden, ihre Texte seien keine Herausforderung mehr für Sie als Übersetzerin. Zehn Jahre später bekam sie den Nobelpreis. Wer lag falsch - Sie oder das Nobelpreiskomitee?

Kinsky: Als ich in England gelebt habe, musste ich einfach Geld verdienen. Ich habe sehr viel übersetzt, das ich nicht unbedingt gut fand. Und ich war umso froher, als ich das nicht mehr musste. Ich hätte nie wieder ein Buch von ihr übersetzen wollen. Ich hab mich gequält mit den Büchern, die ich von ihr übersetzt habe. Was soll man sagen? Sie ist offensichtlich eine Autorin, die sehr gerne gelesen wird. Ich fand ganz gut, dass Handke den Nobelpreis bekommen hat, er ist ja auch älter. Aber warum hat man den anderen Preis nicht, sagen wir mal, einer afrikanische Autorin gegeben, sondern einer jungen, erfolgreichen, weißen, europäischen Frau? Ich missgönne niemandem etwas, und man ist in den meisten Fällen nicht einverstanden mit solchen Entscheidungen, weil man andere Präferenzen hat - aber diesmal fand ich das auch politisch falsch.

APA: Wie geht es Ihnen mit Übersetzungen Ihrer Werke? Schauen Sie da auch sehr kritisch drauf - oder überwiegt die Freude am fremden, neuen Blick, den man dadurch gewinnt?

Kinsky: Den anderen Blick gewinnt man auf jeden Fall. Am schwersten fällt es mir mit Englisch, das für mich wie eine zweite Muttersprache ist. Die ersten beiden Bücher hat noch mein Mann übersetzt. Das war natürlich toll, weil wir über alles reden konnten, und er auch wusste, wie alles gemeint war. Aber es ist ein toller Prozess zu sehen, was jemand anderer aus dem Buch macht. Ich sage immer, das Buch gehört dann nur noch zum Teil mir. Genauso gehört es dem Übersetzer oder der Übersetzerin. Ich habe einen unglaublich guten Übersetzer ins Französische, Italienisch ist auch ganz toll. Mit Polnisch habe ich leider große Schwierigkeiten, aber das hat damit zu tun, dass Polnisch zu den Sprachen gehört, bei denen ein unglaublicher Druck zu Konformität besteht. Es gibt eine unlaubliche Schwierigkeit damit, Neologismen einzubauen. Ich hatte immer Diskussionen mit meiner polnischen Übersetzerin, die mir sagte: Das kann ich im Polnischen so nicht sagen. Ich glaube, sie hatte keinen wirklichen Zugang dazu.

APA: Über Zugangskriterien bei Übersetzungen diskutierte man zuletzt heftig in Zusammenhang mit Amanda Gormans Inaugurationsgedicht. Da wurden andere Kriterien als die fachlichen ins Treffen geführt. Wie kommentieren Sie diese Diskussion?

Kinsky: Ich fand diese Diskussion furchtbar! Zum einen ist das Gedicht als gedruckter Text gar nicht gut, es schöpft seine unglaubliche Wirkung aus der Deklamation. Die hat sie unglaublich gut hinbekommen, aber wenn man es liest, ist es fast wie nach einem Rhetorik-Lehrbuch geschrieben. Um das zu übersetzen, braucht man überhaupt keine besondere Biografie, sondern jemanden, der Spoken-Word-Poetry in ähnlich wirkungsvolle Form bringen kann. Ich fand die deutsche Version, dass man drei Leute dransetzt, wovon zwei überhaupt keine Lyrik-Übersetzerinnen sind, völligen Wahnsinn.

APA: Braucht es zum Übersetzen eine Nachvollziehbarkeit von Atmosphäre und Erfahrung - oder „nur“ die Kompetenz für den Umgang mit der Sprache?

Kinsky: Es kommt sehr darauf an. Die US-Autorin Zora Neale Hurston ist etwa vor kurzem ins Deutsche übersetzt worden („Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven“, Anm.). Sie verwendet ein durch letzte Reste von Sklavensprache vollkommen verballhorntes amerikanisches Englisch. Das ist ein Buch, das sehr anstrengend zu lesen ist, es trägt auch noch diesen Rhythmus des Singens beim Arbeiten, der die Schwarze Sprache in vielem geprägt hat. Entweder hat jemand eine unglaublich tolle Intuition, oder hat irgendetwas in dieser Art selbst erlebt und kann es deshalb nachvollziehen. Aber in Deutschland hat es keine Sklaven auf Baumwollfeldern gegeben. Was jetzt rausgekommen ist, ist in eine Art rheinländischen Dialekt gebracht worden. Grauenhaft!

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Esther Kinsky, geb. 1956 in Engelskirchen, studierte in Bonn Slawistik. Seit 1986 arbeitet sie als literarische Übersetzerin aus dem Polnischen, Russischen und Englischen. Seit ihrem Roman „Sommerfrische“ (2009) zahlreiche eigene Buchveröffentlichungen. Für „Hain. Geländeroman“ erhielt sie u.a. 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2020 wurde ihr der Erich Fried Preis, der W.G. Sebald Literaturpreis und der Deutsche Preis für Nature Writing zuerkannt. Zuletzt erschien der Gedichtband „Schiefern“ (Suhrkamp). Nach vielen Jahren in London lebt sie heute in Friaul, Berlin und Wien.


Kommentieren


Schlagworte