Biedermeier-Schau im Belvedere hinterfragt „Bessere Zeiten?“

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Familiäre Eintracht, idyllische Häuslichkeit, heile Welt - das sind Attribute, mit denen das Wiener Biedermeier oft verbunden wird. Aber waren es wirklich „Bessere Zeiten?“, von denen die Malerei aus der Zeit zwischen Wiener Kongress 1814/15 und der Revolution 1848 Zeugnisse liefert, fragt das Obere Belvedere ab Mittwoch in der gleichnamigen Ausstellung. Keineswegs, denn bei aller Verklärung machen manche Werke auch die Schattenseiten dieser Epoche sichtbar.

107 Gemälde zeigt die über das gesamte zweite Stockwerk verstreute Schau, die „lieb gewordene Klischees hinterfragen“ will, wie Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig am Dienstag in einer Pressekonferenz erklärte. Der Fokus liegt eindeutig auf dem wohl bekanntesten Vertreter der Biedermeiermalerei, Ferdinand Georg Waldmüller. Kein Wunder, denn immerhin zählt der Waldmüller-Bestand des Museums zu einem der bedeutendsten weltweit. Bei allen Ausstellungsabsagen und Sparzwängen, die die Coronapandemie auch für den Kunstbetrieb mit sich brachten, gebe es zumindest einen positiven Effekt: sich mehr auf die eigene Sammlung zu konzentrieren und deren Schätze neu zu durchforsten, schilderte Rollig die Genese der Sonderschau.

Diese geht sofort in medias res und setzt schon im ersten Raum ausschließlich auf das Zugpferd Waldmüller. Und hier wird auch gleich klar, dass es Kurator Rolf H. Johannsen nicht um eine chronologische Hängung der Exponate gegangen ist. Vielmehr soll eine thematische Gliederung einladen, neue Aspekte des Wiener Biedermeier zu entdecken. Dazu gehört, dass bei genauerer Betrachtung einige der anrührenden Darstellungen von Heimat und Privatheit gewissermaßen ins Gegenteil kippen. Freilich findet man „keine krasse Darstellung von Elend“, aber Armut und soziale Missstände wurden von den Biedermeiermalern durchaus mit leisem Strich thematisiert, indem ihre Bilder „Geschichten erzählen, die man weiterdenken muss“, meinte Johannsen.

In Josef Danhausers „Die Zeitungsleser“ etwa studieren zwei pfeifenrauchende Fuhrleute eine Schlagzeile, die vom Bau der „Nordbahn“ kündet, und ahnen dabei ihren nahenden beruflichen Niedergang, wenn demnächst Waren per Zug transportiert werden. „Die Pfändung“ von Peter Fendi hält wiederum eine Szene fest, in der der Gerichtsvollzieher einer Familie unbarmherzig den Weg zur Tür weist. Während Vater und Sohn in Beschämung und Resignation wie gelähmt scheinen, zeigt Fendi die Frauen robuster: Die Gattin tröstet ihren Mann, die Tochter bekniet den Vollstrecker.

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Diese Anflüge von Sozialkritik sind freilich nur einem kleinen Teil der präsentierte Werke eigen. Im Vordergrund stehen freilich „Trautes Heim, Glück allein“ und „Heimat, süße Heimat“, wie die entsprechenden Ausstellungskapitel nicht ohne Ironie betitelt sind. Das Besondere sei, dass Kinder in diesen Szenen erstmals nicht mehr als kleine Erwachsene dargestellt würden, sagte der Kurator. Waldmüllers „Christtagsmorgen“ führe etwa vor Augen, mit welchem Einfühlungsvermögen der Maler allein durch Gesten und Blicke des Nachwuchses kindliche Freude, Trost, Neid oder Enttäuschung bei der Geschenkeverteilung auszudrücken vermag. Humor kommt im Biedermeier auch nicht zu kurz - etwa wenn Johann Ferdinand Treml in „Wallfahrer“ Land- und Stadtbevölkerung aufeinandertreffen lässt.

Dass das Bürgertum trotz aller Repressionen des Metternich‘schen Bespitzelungssystems und dem damit verbundenen Rückzug ins Private ein bisher nicht da gewesenes Selbstbewusstsein an den Tag legte, kommt in drei nebeneinander gehängten Frauenporträts - darunter eine Wirtin und eine Gräfin - zum Ausdruck, die sich dem Publikum geradezu präsentieren. Hier könne man etwa den damals allgegenwärtigen Kaschmirschal und die unterschiedliche Art ihn zu tragen studieren, lud Johannsen einmal mehr zur Betrachtung von Details ein.

In einer Biedermeier-Ausstellung darf freilich die Blumenmalerei nicht fehlen. Ein Dutzend dieser teils prächtigen Buketts zieren einen eigenen Raum. Entlassen wird man mit einem „Blick in die Ferne“, einer Auswahl von Landschaftsbildern, die einerseits an schöne Seen, ins Hochgebirge, in den italienischen Süden oder - wie im Falle zweier „zarter Meereslandschaften“ von Caspar David Friedrich, die Hausherrin Rollig zur näheren Betrachtung empfahl - an die Ostsee.

Für ein gegenwärtiges und gerade in Coronazeiten wieder mehrfach bemühtes Neo-Biedermeier sieht Kurator Johannsen durchaus Anzeichen, wobei dieses „gesellschaftliche Phänomen“ in der Pandemie sich nur verstärkt, aber schon um die Jahrtausendwende begonnen habe. „Die Kleinfamilie wird wieder zum Ideal. Der Rückzug in die Häuslichkeit ist auch dadurch bedingt, dass die Welt für viele Menschen immer unübersichtlicher wird“, analysierte er. Er wolle aber nicht behaupten, dass es früher besser gewesen sei: „Früher war es anders gut und anders schlecht.“ Diese Erkenntnis kann man auch von dieser Ausstellung mit nach Hause nehmen.

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