Jonathan Meese feierte „1000 Jahre Boys“ im Volkstheater

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Nicht weniger als „1000 Jahre Boys“ feierte Jonathan Meese am Mittwochabend im Volkstheater, um Joseph Beuys zum 100er hochleben zu lassen. Fast zwei Stunden lang bot das 51-jährige Enfant terrible der deutschsprachigen Kunstszene einen Ritt durch Leben und Werk des großen deutschen Künstlers - und verzichtete dabei nicht auf Kritik. Tenor des Abends: „Ich liebe ihn, aber ich lobhudle ihn nicht.“

An eindringlichen Bildern sparten Hennig Nass, der für Konzept und Soundtrack des Abends verantwortlich zeichnete, und Meese nicht: Als sich der Vorhang des Volkstheaters hebt, finden sich die Zuschauer (via Livestream zugeschaltet) mitten in einem Reenactment von Beuys‘ 1969 durchgeführter Aktion „Titus Andronicus / Iphigenie“, bei der ein lebendiger Schimmel in einer mit Seilen begrenzten Koppel Heu fraß. Und so ist es nach Dusan David Parizeks „König Ottokars Glück und Ende“ im Jahr 2019 schon das zweite echte Pferd, das die Volkstheaterbühne betritt. Freilich wird das Tier nach diesem imposanten Auftakt bald durch ein weißen Schaukelpferd ersetzt.

Schließlich bietet Meese eine ganze Portion Wahnsinn, zieht zu Klängen der Titelmelodie von „Pippi Langstrumpf“ oder „Was ziehst du an heute Nacht“ der Düsseldorfer Band DAF zahlreiche Kreise um die kleine Koppel, während er zur jeweiligen Melodie textet: „Der alte Beuys war zu politversaut, der junge Beuys war ziemlich versaut, das war schon ‚ne Pflaume...“.

„Das Material von Beuys war niemals heilig“, deklamiert Meese, der im Laufe des Abends zahlreiche Gummimasken von Tieren trägt, während er mit Hitlergruß Sirtaki tanzt und dabei die in Beuys‘ Aktion ebenfalls verwendeten Zuckerwürfel und Margarinepackungen zertrampelt. Bald wird klar: „Beuys war nicht durchgängig der geile Künstler“, so Meese, der immer wieder die politischen Ambitionen des „alten Beuys“ kritisiert. „Eine Partei gründen, völlig ekelhaft, das ist Verrat an der Kunst“, ruft Meese in Anspielung auf Beuys‘ Engagement für die Grünen.

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Der „Menschensammler“ Beuys kommt bei Meese nicht gut weg. Zur Verdeutlichung drückt er seiner Mutter, die immer wieder anhebt, aus einem Manifest vorzutragen, eine Angel in die Hand. „Als freier Mann hast du die Kunst in das Volk gefurzt“, so Meese in Hinblick auf Beuys‘ Hinwendung zu Frankreich, was einen kleinen Ausflug in die theoretischen Schriften rund um die französische Revolution zur Folge hat. Ganz folgen kann man dem Geschehen auf der Bühne da nicht mehr.

Rasend wechselt Meese Masken, Perücken und Kostüme, immer schneller zieht er seine Kreise um die Pferdekoppel, während seine Mutter immer wieder ein klingelndes Telefon abhebt, weil „der junge Beuys“ anruft.

„Als du jung warst, warst du frech, da wolltest du keine Jünger“, seufzt Meese einmal mehr, um eine klare Trennlinie zwischen den „alten“ und den „jungen“ Beuys zu ziehen. Der Abend gipfelt schließlich in der Frage „Was ist denn der Unterschied zwischen Beuys und Meese?“ Da weiß die Mutter Antwort: „Du bist noch nicht soweit.“

Also macht Meese, was er am besten kann: Er fordert die Kunst auf, die Macht im Staat zu übernehmen, reißt noch einmal die Hand in die Höhe und lässt den Vorhang fallen. Den angekündigten Bernhard Schütz bekam mann übrigens nicht zu Gesicht. Am Anfang hieß es per Einblendung. „Bernhard Schütz muss zu Hausen (sic!) die Rimini Batterie aufladen. Ciao Bello!“


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