Kunstfestival verwandelt den Flachgau in einen „Supergau“

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Beschildert ist das „Belvedere Flachgau“ in Strobl nicht wirklich optimal. Daher hält man auf den ersten Blick die Kunstinteressierten für Arbeiter, die auf dem Tankstellendach zu Werke gehen. Doch beim Metallgerüst, das in die Höhe führt, handelt sich um eine Kunst-Intervention. Am Freitag hat das „Supergau“-Festival begonnen, mit dem die Kuratoren Tina Heine und Theo Deutinger den Salzburger Flachgau in eine „Superlandschaft für zeitgenössische Kunst“ verwandeln wollen.

„1000 Quadratkilometer, 18 Projekte, 1 Festival“ heißt es in der in einer Plastiktasche aushängenden orangenen Programm-Landkarte, die einen geografischen und zeitlichen Überblick über die Projekte von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern gibt. Ähnlich wie etwa das „Festival der Regionen“ in Oberösterreich will auch das bis 24. Mai dauernde Supergau-Festival Kunst in den ländlichen Bereich bringen. Im wesentlichen sind die einzelnen Stationen entlang zweier Buslinien angeordnet und daher öffentlich erfahrbar: Eine Route führt mit dem Bus 120 von Salzburg Richtung Norden nach Mattsee, die andere mit der Buslinie 150 von Salzburg in östlicher Richtung nach Strobl.

Lange haben Maria Kanzler und Fabian Ritzi, die Social Design an der Angewandten in Wien studieren, nach einer Tankstelle gesucht, der sie aufs Dach steigen dürfen. „Die meisten sind Franchise-Nehmer, und verhandeln muss man mit Menschen in Konzern-Zentralen, die kein Verständnis für so ein Projekt haben“, erzählt Kanzler. „In Strobl hatte die Familie Resch gleich ein offenes Ohr für uns.“ Und so klettert man über einen kleinen Gerüstturm aufs Dach und bekommt eine Aussicht, die man sonst nicht erhält. In einer Richtung dominiert freilich der Blick auf das lange Asphaltband der Bundesstraße. „Die Beschäftigung mit dem Thema Aussicht bekommt dadurch eine ironische Brechung“, erklärt Ritzi. Immerhin: Mit dem auf der Aussichtsplattform montierten Fernrohr kann man in der anderen Richtung etwa das Schafberg-Hotel heranzoomen. Jene, die hier beim Tanken unvermutet auf Kunst stoßen, reagierten allerdings nicht immer verständnisvoll, berichten die beiden jungen Künstler schmunzelnd. „Manchmal heißt es dann: So ein Blödsinn!“

Vor der Deutsch-Villa im Strobler Ortszentrum hat unterdessen Flora Schausberger einen Tisch aufgebaut. Die Supergau-Besucher bekommen von ihr MP3-Player und Kopfhörer ausgehändigt. Unter dem Titel „Sirrende Mücken im surrenden Licht“ lädt sie zu einem rund halbstündigen Audiowalk durch den Ort ein. Schausberger hat Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert und schon ein ähnliches Projekt für das Grazer Kulturjahr umgesetzt. In Strobl verbindet sie mit rund 2.200 Schritten Orts- und Familiengeschichte.

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In dem Ort am Wolfgangsee hat die Künstlerin viele Sommerferien bei ihrer Oma verbracht, die hier Zimmer vermietet hat. Heute wohnt sie im Altersheim, das auf den Park der von der jüdischen Bankiersfamilie Deutsch errichteten Villa schaut, die nun gelegentlich als Ort für Veranstaltungen und Ausstellungen dient. „Sie ist heute schon runtergekommen und hat mich besucht“, erzählt Schausberger lächelnd. Den ganzen Audiowalk mitzumachen, sei ihr allerdings zu beschwerlich. Wer sich beim Kunst-Spaziergang auf die vielen Episoden aus der mitunter mondänen Geschichte des Ortes konzentriert, läuft jedoch Gefahr, zu sehr in die Vergangenheit einzutauchen und ganz auf den Autoverkehr der Gegenwart zu vergessen: So erfährt man etwa vom Kurzzeit-Bürgermeister Theo Lingen, von Max Reinhardts Gattin Helene Thimig, die gerne in ihrem Jaguar vorfuhr und gönnerhaft Zuckerln an die Ortsjugend verteilte, oder von Oscar-Preisträger Emil Jannings, der hier einige Jahrzehnte lebte und 1943 dem Ort seine US-Autosirene als Luftschutzsirene zur Verfügung stellte.

Am Wolfgangsee liegen noch weitere Supergau-Stationen. So hat etwa Miriam Hamann die maximale Seetiefe von 114 Metern in eine Lichtskulptur umgesetzt, die Golden Pixel Cooperative installiert in einem ehemaligen Bahnhof der 1957 aufgelassenen Salzkammergut-Lokalbahn ein mobiles Kino mit fünf Videoarbeiten. Am 22. Mai lassen Anna Lerchbaumer und Andreas Zißler gemeinsam mit dem Pyrotechniker Phillip J. Braunschober in einer „Almwiesensymphonie“ ein Stück Wiese am Zwölferhorn in Knall und Rauch aufgehen - als temporäre Störung eines bereits künstlich veränderten Landschaftsbildes.

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