Prozess um versuchten Mord an 84-jährigem Ehemann

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Wegen versuchten Mordes an ihrem Ehemann hat sich eine 73-jährige Wienerin am Mittwoch am Landesgericht verantworten müssen. Nach mehr als fünfzigjähriger Ehe hatte sie am 23. Jänner 2021 ihrem Mann ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klingenlänge in Rücken und Bauch gestochen. Vor einem Schwurgericht skizzierte die Angeklagte ein von Gewalt und Unterdrückung geprägtes Eheleben. Als der 84-Jährige wieder ein Mal auf sie einschlug, habe sie zum Messer gegriffen.

Nachdem sie ihren Hund äußerln geführt hatte, sei es mit dem Mann zu einem Streit gekommen, weil sie ihn gefragt habe, warum er das Frühstück nicht zubereitet habe. „Er hat mich angefahren und beschimpft. Er ist ganz wütend geworden. Er hat sich da so hineingesteigert“, berichtete die Angeklagte, die von der Justizwache einen Tag nach ihrem 73. Geburtstag auf einen Gehstock gestützt in den Großen Schwurgerichtssaal gebracht worden war. Der 1,85 Meter große und kräftige Mann sei dann auf sie losgegangen und habe sie im Kopf- und Schulterbereich geschlagen, schilderte die eigenen Angaben zufolge 1,57 Zentimeter große und zierliche Frau: „Ich war verzweifelt. Ich hab‘ nicht gewusst, was ich machen soll. Da seh‘ ich das Messer liegen. Und da ist es mit mir durchgegangen“. Sie habe ihm die Klinge in den Bauch gestochen: „Ich war ganz entsetzt, was ich gemacht habe.“

Die Ehefrau und später der gemeinsame Sohn des Paares betonten vor Gericht, der Mann bzw. Vater sei seit Jahrzehnten gewalttätig gewesen. „Ich hatte Angst vor ihm. Er war sehr brutal“, erzählte die 73-Jährige. In der Ehe habe es „von Beginn an“ Probleme gegeben. Vor 30 Jahren schon sei sie verprügelt worden, vor 20 Jahren habe er ihr einmal einen Kübel Wasser über den Kopf gegossen. Sie habe ihn nicht angezeigt, „weil ich die Ehe aufrecht halten wollte und gehofft habe, dass es nicht mehr vorkommt“. Leider sei es zuletzt aber schlimmer geworden, er habe sie im Durchschnitt ein Mal monatlich geschlagen, nachdem sie sich geweigert hatte, das Erbe ihrer Mutter aufs gemeinsame Konto zu legen. Sie habe sogar einen Selbstmordversuch verübt, „weil ich unglücklich war“. Sie habe Psychopharmaka genommen und ein bis zwei Bier pro Tag getrunken, „weil mein Mann so garstig war in letzter Zeit“, legte die Angeklagte offen.

„Es war keine glückliche Ehe“, billigte Staatsanwalt Sherif Selim der Frau zu. Der Mann habe sie „klein gehalten und ihr gesagt, was sie tun muss“. Er habe ihr Geld verwaltet und ihr das Bier in einem Tresor weggesperrt. Allerdings habe es in all den Jahren nie einen Polizeieinsatz gegen den nunmehr 84-Jährigen gegeben. „Nur weil er ein schlechter Mensch ist, darf ich ihn auch nicht abstechen“, gab der Staatsanwalt zu bedenken.

Für den Ankläger war insofern keine Notwehrsituation gegeben, als der Ehemann zunächst einen Stich in den Rücken kassiert hatte, für den die Angeklagte keine Erklärung hatte. Sie versicherte den Geschworenen mehrfach, nur ein Mal hingestochen zu haben.

Am Ende ihrer Einvernahme wurde die 73-Jährige gefragt, wie es mit ihr weitergehen soll. Ihr Sohn habe ihr eine kleine Wohnung besorgt, „dass ich nicht nach Hause muss“, berichtete sie: „Ich muss Zeit vergehen lassen und dann möchte ich schauen, was wird“. Grundsätzlich wolle sie „mein Versprechen halten und zusammenbleiben“. Sie und ihr Mann hätten einander schließlich „geschworen, dass wir bis zum Tod zusammenbleiben“.

Der niedergestochene Mann hatte selbst zum Telefon gegriffen und die Rettung gerufen. Die Klinge hatte die Bauchhöhle eröffnet, es kam zu Gewebeeinblutungen, die in aller Regel mit Lebensgefahr verbunden sind. Der 84-Jährige hatte Glück, der Stich in den Bauch bewirkte eine schwere, aber keine lebensbedrohliche Verletzung. „Wäre der Stichkanal nur wenige Millimeter anders verlaufen, hätte das anders ausgeschaut“, betonte der Staatsanwalt. Der Stich in den Rücken hatte zu einer vergleichsweise oberflächlichen Verletzung geführt.

Der Sohn des Ehepaares bestätigte als Zeuge die Darstellung der Mutter. Der Vater habe auch ihn in der Kindheit verprügelt. Was die Gewalt gegen die Mutter betreffe, sei es „in den letzten Jahren immer schlimmer geworden. Er hat versucht, sie in jeden Belangen zu unterdrücken. Ich habe vom Vater bestätigt bekommen, dass er sie geschlagen hat.“ Mehrfach habe er blaue Flecken am Körper der Mutter wahrgenommen. Auf die Frage, weshalb sie seinen Vater nicht verlassen habe, erwiderte der Zeuge: „Mein Vater hat sie genötigt zu bleiben. Er hat sie wie eine Putzfrau und Bedienerin behandelt.“

Nach einer einstündigen Mittagspause wies der Ehemann die Darstellung zurück, er habe seiner Familie jahrelang Gewalt angetan. Seine Frau habe er zwar „vor 25 Jahren mit einem Eimer Wasser angeschüttet“. Sonst „laufend gewalttätig“ sei er aber nicht gewesen. Seine Ehe sei „in der ersten Hälfte wunderbar“ verlaufen, danach habe „mein dominanter Sohn“ jedoch den Gegenpol zu ihm, dem „Oberhaupt der Familie“, eingenommen und auf seine Frau „einen Einfluss ausgeübt“, sagte der mittlerweile gebrechlich wirkende 84-Jährige aus. Da sei es dann schwierig geworden. Auch habe seine Frau „zwei, am Schluss drei Dosen Bier pro Tag“ konsumiert.

Den ersten Stich in den Rücken kassierte der Mann seinen Angaben zufolge aus heiterem Himmel. Er habe seine Unterlagen gesichtet, da habe ihn seine Frau von hinten gestochen. Danach habe sie ihm das Messer an die Brust angesetzt, behauptete der 84-Jährige: „Ich hab gesagt: ‚Mach es nicht, du bist verrückt‘, das war es.“ Sie habe ihn dann ein zweites Mal gestochen: „Wahrscheinlich habe ich etwas Falsches gesagt. Sie beleidigt“, vermutete der 84-Jährige


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