„Der Bau“: Per VR-Produktion durch das Grazer Schauspielhaus

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Das Grazer Schauspielhaus bietet wieder eine Produktion an, die mittels Virtual-Reality (VR)-Brille von den Zuschauern zuhause konsumiert werden kann. Diesmal wurde Franz Kafkas „Der Bau“ als Gerüst hergenommen, um eine verstörende Wanderung durch das ganze Gebäude erlebbar zu machen. Zu sehen sind dabei Plätze, zu denen der normale Theaterbesucher nie hinkommt. Florian Köhler bewegt sich durchs Haus und erweist sich als verlässlicher Interpret von Kafkas Sprache.

Die erste VR-Produktion „Judas“ wurde in einer Kirche aufgenommen und galt einem Monolog von Lot Vekemans, die zweite glich eher einem Film und zeigte mit „Krasnojarsk“ die öde Weite einer Endzeit-Geschichte. Nun blieb man gleich im eigenen Haus, was wieder völlig andere Perspektiven eröffnete. Dabei setzte Regisseurin Elena Bakirova auf das Gebäude mit all seinen Gängen, Winkeln, Kellnern, aber auch der Weite der leeren Bühne als Hauptdarsteller, obwohl ihr mit Florian Köhler ein ausgezeichneter Umsetzer von Kafkas rätselhaftem Text zur Verfügung steht.

Die Erzählung beschreibt einen unterirdischen Bau, der vom Protagonisten errichtet wurde, ohne dass man irgendwelche Hintergründe erfährt. Es geht um das Beschreiben des Ortes, der möglicherweise Schutz bieten soll. Florian Köhler arbeitet sich mit leicht gehetzter Miene, als wäre er permanent auf der Hut, durch das Schauspielhaus. Das Stiegenhaus hinter der Bühne wird dabei ebenso Schauplatz wie der Heizungskeller oder die Drehbühne. Spektakulär wird es, wenn sich das Geschehen ganz oben im Bühnenraum abspielt - für Menschen mit Höhenangst dank VR-Brille ein ganz reales Gruselerlebnis. Auch der Moment, wenn man feststellt, dass man sich unter der Drehbühne befindet, ist nicht ganz ohne. Geradezu heiteres Ringelspiel-Gefühl kommt auf, wenn man - vermeintlich - eine gemütliche Runde auf der Drehbühne fährt.

Die Gänge und Plätze wurden im Laufe der Zeit ganz unterschiedlich interpretiert, mitunter auch als menschliches Gehirn, in dem sich alles abspielt. In dieser Produktion ist es ein Mensch, der teilweise fast wie ein Tier durch seinen Bau geht, läuft, kriecht und schlurft. Florian Köhler zeigt dabei eine Intensität, die über die ganze Zeit nicht nachlässt und die Zuschauer noch zusätzlich in das Geschehen hineinzieht. Eine spannende Produktion der völlig anderen Art.

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