Friederike Mayröcker im Alter von 96 Jahren gestorben

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Die österreichische Autorin Friederike Mayröcker ist am Freitag im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Sie war erst kürzlich für ihr letztes Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert gewesen und zählte zu den am höchsten dekorierten heimischen Schriftstellern. Wie Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) bekannt gab, wird Mayröcker in einem Ehrengrab beigesetzt. ORF-Fernsehen und Ö1 ändern ihr Programm.

„Die Grande Dame der österreichischen Literatur ist nicht mehr. Heute hat Friederike Mayröcker ihren Stift für immer niedergelegt“, reagierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen auf die Todesmeldung der „wohl wichtigsten österreichischen Autorin“. „Die unaufdringliche Eleganz ihrer Texte hat uns reich beschenkt“, so das Staatsoberhaupt. Vom Bundespräsidenten abwärts bekundeten zahlreiche Politiker von Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) über die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) bis hin zu Nationalratspräsident Werner Sobotka (ÖVP) ihre Trauer. Auch zahlreiche Kollegen und Vertreter der Literaturszene verabschiedeten sich mit ergreifenden Worten.

Mayröcker, die u.a. mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit Stern (2014), dem Großen Österreichischen Staatspreis (1982) und dem Georg-Büchner-Preis (2001) ausgezeichnet wurde, hatte bereits nach dem im Sommer 2020 erschienenen Buch angekündigt, keine weiteren Werke zu veröffentlichen. Über den Tod sagte sie einst in einem „Standard“-Interview: „Ich schreibe um mein Leben. Es wird mir aber nichts nützen. Er wird mich holen, so oder so.“

Geboren wurde Mayröcker am 20. Dezember 1924 in Wien als Tochter eines Lehrers und einer Modistin. Bereits als 15-Jährige begann sie kurze emotionale Prosatexte zu schreiben. In der Literaturzeitschrift „Plan“ veröffentlichte sie 1946 erste Gedichte. Im selben Jahr begann sie als Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen zu unterrichten. Nach einigen vorübergehenden Beurlaubungen konnte sie erst 1969 aus dem Schuldienst ausscheiden und sich ganz dem Schreiben widmen.

Bereits 1951 stieß Mayröcker zu einem Kreis junger Autoren um Hans Weigel, dem u.a. Ingeborg Bachmann und Hertha Kräftner angehörten. Sie lernte Andreas Okopenko kennen und 1954 Ernst Jandl, der die nächsten Jahrzehnte ihr „Hand- und Herzgefährte“ war. Sein Tod im Jahr 2000 erschütterte die Dichterin tief, ihre Trauerarbeit schlug sich in zahlreichen Büchern nieder. Zu ihren bekanntesten Werken zählen etwa der Gedichtband „Tod durch Musen“ (1966) oder die Prosa-Stücke „Die Abschiede“ (1980), „brütt oder Die seufzenden Gärten (1998), „Requiem für Ernst Jandl“ (2001) oder „Und ich schüttelte einen Liebling“ (2005). 2013 bis 2016 erschien die Trilogie „études“, „Cahier“ und „fleurs“. Der letzte als Lyrik ausgewiesene Band erschien 2012 mit „Von den Umarmungen“, die zuletzt erschienenen Werke betitelte der Suhrkamp-Verlag, bei dem Mayröckers Werk seit 1979 erschien, selbst als „prosaische Gedichte und lyrische Prosastücke“.

Für ihr Hörstück „Oper!“, das Otto Brusatti im Sommer 2017 im Kurhaus Semmering zur Uraufführung brachte, wurde Mayröcker für das „Hörspiel des Jahres“ ausgezeichnet, im selben Jahr erhielt sie auch den mit 10.000 Euro dotierten Günter-Eich-Preis, nachdem sie im Jahr zuvor mit dem ersten Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet worden war.

Mayröckers gesammeltes lyrisches Werk umfasst viele hundert Seiten, 2016 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Benachbarte Metalle“ ausgewählte Gedichte aus drei Jahrzehnten. Zuvor kamen unter dem Titel „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“ die 2004 bis 2009 entstandenen Gedichte auf den Markt. Im letzten dort abgedruckten Text, der aus dem März 2009 stammt, heißt es: „ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“.

Im ORF widmet man Mayröcker am kommenden „kulturMontag“ (7. Juni 2021, 22.30 Uhr, ORF 2) einen Nachruf. Ergänzend dazu steht die von Katja Gasser gestaltete Dokumentation „Wilder, nicht milder - Friederike Mayröcker im Portrait“ (23.15 Uhr) auf dem Programm. Ö1 wiederholt am morgigen Samstag um 14.00 Uhr das Ö1-“Hörspiel“ mit dem Titel „oder 1 Schumannwahnsinn“. Die Autorin hat den Text selbst eingesprochen, Regie führte Klaus Schöning. In „Nachtbilder - Poesie und Musik“ (22.05 Uhr) liest die Dichterin aus ihrem Werk „fleurs“. Am Sonntag ist in den „Tonspuren“ (20.15 Uhr) „Fritzi und ihre Fans“, eine Hommage an Friederike Mayröcker, zu hören. Weitere Programmänderungen in ORF III sind geplant.


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