Lukaku widmete Doppelpack Eriksen - Belgien im Soll

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Belgiens Torjäger Romelu Lukaku hat am Samstag bei der Fußball-EM eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebt. Erst weinte er um seinen kollabierten Inter-Mailand-Teamkameraden Christian Eriksen, dann kniete er gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen als Zeichen gegen Rassismus. Anschließend grüßte Lukaku nach seinem ersten Tor Eriksen mit den Worten „Chris, Chris, (...), I love you“ und zum Abschluss erzielte er beim 3:0 gegen Russland noch ein weiteres Tor.

Lukaku widmete seinen Doppelpack dem mittlerweile wieder stabilen Eriksen, der sich im Krankenhaus erholt. Er habe vor dem Match in St. Petersburg viele Tränen für den in Kopenhagen am Spielfeld zusammengebrochenen und wiederbelebten Dänen vergossen. Es sei zwar ein erfolgreiches Spiel gewesen, seine Gedanken galten aber vor allem Eriksen. „Ich werde ihm auf jeden Fall eine Nachricht schicken, aber er muss nicht sofort antworten. Ich hoffe, es geht ihm gut, für seine zwei Kinder, die ihn brauchen“, sagte Lukaku, der seinen ersten Treffer genutzt hatte, um durch das weltweite TV-Signal eine liebevolle Grußbotschaft an Eriksen zu schicken.

Belgiens Trainer Roberto Martinez schilderte, wie sehr sein Team vom tragischen Ereignis in Kopenhagen mitgenommen war. „Es herrschte tiefe Trauer. Wir haben es live gesehen - wir wollten fünf Minuten später unser Teammeeting beginnen. Das Letzte, worüber wir reden wollten, war Fußball. Es war ein Schock, es gab Tränen“, erzählte der Spanier. Zu einer möglicherweise kurzfristigen Absage erklärte Martinez, so etwas liege nicht in seiner Macht. „Ich bin nur der Trainer von Belgien. Wir müssen immer auf die Anweisungen warten.“

Neben der psychischen Belastung für sein Team, in dem viele Eriksen persönlich kennen, nimmt Martinez noch weitere Personalprobleme mit. Außenverteidiger Timothy Castagne zog sich nach einem Kopfzusammenstoß eine doppelte Augenhöhlenfraktur zu und fällt für den Rest der EM aus. Der für Castagne eingewechselte Thomas Meunier hatte das 2:0 erzielt und später auch noch das Tor zum Endstand von Lukaku aufgelegt.

Neben den beim Auftakt noch nicht einsetzbaren Stars Kevin De Bruyne (Gesichtsoperation) und Axel Witsel (Rückkehr nach Achillessehnenriss) ist nun auch Jan Vertonghen angeschlagen. Der Abwehrroutinier musste nach einem Schlag auf den Knöchel ausgewechselt werden. Bei ihm geht Martinez aber davon aus, dass es „nicht so ernst“ ist.

Abgesehen von den Verletzungssorgen sind die Belgier aber voll auf Kurs. „Die Performance gefällt mir. Es ist nie einfach, ins Turnier zu starten. Wir waren sehr konzentriert, haben super verteidigt“, lobte Martinez. Während seine Mannschaft einen gelungenen Auftakt hinlegte und Selbstvertrauen für das zweite Match am Donnerstag gegen die leidgeprüften Dänen tankte, ist Russland schon im Hintertreffen. Auf die Frage, ob man im Duell mit den gegen Dänemark 1:0 siegreichen Finnen am Mittwoch schon unter Druck stehe, antwortete Teamchef Stanislaw Tschertschessow: „Es gibt keinen Druck.“ Das Turnier sei „nicht nach dem ersten Spiel vorbei“.

Tschertschessow war nach dem 0:3 ziemlich schlechter Laune. Zunächst beschwerte er sich, dass die Journalisten in der coronabedingt online durchgeführten Pressekonferenz ihn sehen, er aber nicht alle Journalisten. Dann passten ihm auch die inhaltlich gewählten Aspekte nicht. Auf die Frage, wie er das Knien der Belgier als Zeichen gegen Rassismus bewerte, antwortete der frühere Tirol-Spieler und -Trainer gereizt: „Das ist keine Frage, die mit Fußball zu tun hat. Wenn Sie eine haben, stellen Sie mir dazu eine.“ Die Belgier um Lukaku sowie Referee Antonio Mateu Lahoz waren unmittelbar vor dem Anpfiff in St. Petersburg auf die Knie gegangen. Vom Publikum in der russischen Arena waren daraufhin deutliche Pfiffe und Buhrufe zu vernehmen. Kritik üben wollte Russlands Chefcoach daran aber nicht.

Die Belgier änderten am Sonntag ihre Reisepläne, es ging in das Heimatcamp in Tubize nahe Brüssel. Ursprünglich sollte in St. Petersburg vor dem Donnerstag-Match gegen Dänemark ein mehrtägiges Camp bezogen werden. „Bei unserem letzten Aufenthalt in St. Petersburg haben wir die Erfahrung gemacht, dass in Corona-Zeiten ein paar Tage im Ausland in einem Hotel in einer Großstadt viel komplexer und schwieriger als zuvor sind, um ein Trainingslager zu organisieren“, schrieb der Verband.


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