Sperriges Theaterwagnis „Quasi“ bei den Wiener Festwochen

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Kein Plot, keine Dialoge, kein Bühnenbild, kein roter Faden: Die Iranerin Azade Shahmiri verlangt dem Publikum mit ihrem sperrigen Theaterwagnis „Quasi“, das am Montagabend seine Weltpremiere bei den Wiener Festwochen feierte, einiges ab. Denn fast zwei Stunden kämpft man darum, im Kopf die narrativen Bruchstücke zu einem halbwegs stimmigen Ganzen zusammenzusetzen - vergebens. Am Ende gab es einen kleinen Special Effect, höflichen Applaus und viel Ratlosigkeit.

Drei Figuren - zwei Frauen und ein Mann - verteilen sich zu Beginn des Stücks auf der komplett schwarz ausgekleideten Bühne, die außer einem Tisch samt Sessel, einem Hocker, ein paar Lichtrequisiten und einer Projektionsfläche nicht viel zu bieten hat. Sie sind namenlos und stehen auch sonst in keinem erkennbaren Verhältnis zueinander. Wer sie sind, was sie erlebt haben und ob es irgendeine Verbindung zwischen ihnen gibt, wird bis zum Schluss im Dunkeln bleiben.

Denn die Autorin und Regisseurin Shahmiri (Jahrgang 1982), die bereits 2019 mit „Voicelessness“ ein Festwochen-Gastspiel hatte, hebelt in ihrer jüngsten Arbeit das konventionelle Storytelling komplett aus. Alles bleibt Andeutung und in Schwebe. Die rein in Farsi sprechenden Darsteller - es gibt gut lesbare deutsch-englische Übertitel - spielen kaum, sondern leihen den wenig erzählenden, sondern vielmehr einer eigenwilligen Poetik verpflichteten Textflächen ihre Stimme.

Die männliche Figur - ein Gefängniskonnex scheint zu bestehen - sitzt am Tisch und liest Zettel, die er gerade sortiert, vor. Sind es Aktenvermerke, Zeugenaussagen, Tagebucheintragungen? Eine der beiden Frauen versendet pausenlos Handy-Sprachnachrichten, in denen es viel um Geisteswissenschaft und die philosophische Betrachtung von Zeit geht. Später wird sie nur noch über (Selbst-)Verletzungen reden. Bei der zweiten Frau steht mehr die Körperbeherrschung im Vordergrund, was immer wieder zu stummen performativen Momenten führt. Irgendwann geht es auch hier um Schmerz und Versehrtheit.

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Wäre das nicht schon verwirrend genug, kommt mit eingespielten Videosequenzen noch eine weitere Ebene hinzu. Die wackeligen Bilder, die die Aufführung begleiten, zeigen vor allem Gesichter und Hände in Großaufnahme. Das Material wurde 2001 von Hamid Jafari, einem mit Shahmiri befreundeten Regisseur, in einem Teheraner Kaffeehaus gedreht. Der geplante Film blieb allerdings unvollendet, die ursprünglich intendierte Handlung oder Charakterzeichnung ist nicht einmal erahnbar - und liefert damit die Grundlage für das fragmentarische Verfahren, das die iranische Künstlerin und Performerin auf ihr Theaterprojekt anwendet.

Es ist schon faszinierend, wie „Quasi“ einen dazu bringt, so gut wie pausenlos nach Erzählsträngen zu suchen, Bruchstücke nach einer möglichen Logik zu ordnen, über den alles erklärenden Lösungsschlüssel zu grübeln. Alles in allem wirkt das Ganze aber doch recht verkopft und entwickelt Längen, die die Geduld des Publikums zwischenzeitlich durchaus herausfordern. Folglich hielt es nicht alle bis zum Ende im zum Festwochen-Theatersaal umfunktionierten „brut nordwest“, der neuen Zwischennutzungs-Kulturstätte am Gelände des ehemaligen Nordwestbahnhofs. Dabei gab es am Schluss des dramaturgisch gewagten Experiments doch noch ein bisschen Action in Form einer aktivierten Nebelmaschine. Ein insofern stimmiges Finale, als die Sicht auf den inzwischen leeren Bühnenraum ebenso unklar blieb wie die Antwort auf die Frage, was man denn in diesen 110 Minuten eigentlich gerade gesehen hat.

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