Einsam durch die Nacht: „lonely ballads“ im Wiener Werk X

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Ein Covid-Verdachtsfall, der sich letztlich nicht bestätigte, führte vor wenigen Wochen in Vorarlberg zur kurzfristigen Absage der Uraufführung der „lonely ballads“ des aktionstheater ensembles. Nun kam das Wiener Werk X in den Genuss einer Doppel-Uraufführung: vier Ensemble-typische Soloauftritte mit Befindlichkeits-Monologen, gelegentlich untermalt von famoser Musik, die es auch auf CD zum Kaufen gibt. Ein radikal subjektives Kaleidoskop der Gegenwart.

Die Bühne ist zu einem Dreieck verengt. Hinter semitransparenten Wänden warten sechs Bandmitglieder auf ihre Einsätze, instrumental oder a-capella. „Einsame Balladen als Kompensation und Katharsis oder einfach um unsere melancholischen Stunden zu füllen“, nennt Regisseur Martin Gruber die Songs, die „Wanna Be Happy (Until I Die)“, „Ich liebe das Leben“ oder „Slowing You Down“ heißen. Manchmal dröhnen sie richtig rockig, manchmal bauen sie ironisch musikalische Zitate ein, und mitunter verweisen sie auf die Welt der Schlager, die Gefühle programmatisch schön kitschig zu übersteigern pflegen. Verdichtung und Übersteigerung bis es wehtut, ist auch das Konzept des aktionstheaters.

Seit langem gleichen die Figuren in den Stückentwicklungen der in Vorarlberg und Wien gleichermaßen angesiedelten Truppe einander. Es sind Figuren, die zur Entäußerung neigen, ADHS und Logorrhoe zu getänzelten Monologen verbinden, die in ihren ansatzlos von Detail zu Detail wechselnden Geschichten sich selbst bloßstellen, in tausend Verrenkungen und Wiederholungen, und dabei dem Publikum den Zerrspiegel vorhalten. Ihr kultivierter Bühnen-Exhibitionismus erzeugt meist schon bald eine mal prickelnde, mal nervende Spannung zwischen Selbst- und Fremd-Scham.

Das Doppel „lonely ballads: EINS“ und „lonely ballads: ZWEI“, mit einer Pause zu einem Zweieinhalb-Stunden-Abend verbunden, bringt vier Solo-Auftritte hintereinander, die sich häufig, aber nicht immer, auf die Zeit der Lockdowns beziehen. „Was nach dem erzwungenen Innehalten bleibt, sind persönliche Bestandsaufnahmen. Oder Verdichtungen davon, was vorher schon war“, sagt Gruber.

Isabella Jeschke beginnt, dauernd am Saum ihres kurzen, engen Kleidchens nestelnd, mit dem provozierenden Bekenntnis: „Ich habe noch nie so viel verdient wie in diesem Jahr!“ Die verschiedenen Corona-Hilfen hätten dazu geführt, dass sich erstmals „ein paar Tausend Euro“ auf ihrem Konto befänden. Da ist plötzlich manches möglich: die Einladung der besten Freundin in ein schickes Restaurant oder die Anschaffung eines Beamers etwa. Oder vielleicht gleich der Kauf einer Eigentumswohnung? Dem Bankberater bleibt die Spucke weg. Aber ihre Figur hat auch „so viel herumgevögelt wie noch nie“. Sie ist jetzt im fünften Monat schwanger. Der Vater ist vielleicht der einsame Mediamarkt-Verkäufer, der den Beamer gegen Gewährung eines Hausbesuchs etwas billiger hergegeben hat...

Die Figur von Thomas Kolle, die in der Unterwäsche von seiner Mitbewohnerin Bettina auftritt, hat sich dagegen im vergangenen Jahr zum „Küchen-Nazi“ entwickelt, der schon aus dem Wohnzimmer hört, dass Bettina in der Küche das Öl nicht genügend erhitzt hat, ehe sie die Melanzani in die Pfanne wirft. Es ist zum aus der Haut Fahren! Tamara Stern stellt nach der Pause eine Figur auf die Bühne, die ihre Ticks und Neurosen kultiviert hat und sich fragt, ob sie nun „Covid-Jüdin“ sei. „Ich finde dieses Corona großartig, weil ich niemandem mehr die Hand geben muss“, sagt sie.

Benjamin Vanyek schließlich erinnert sich an seine als Kind entwickelten Fertigkeiten, Wiener Bezirke und Stationen öffentlicher Verkehrsmittel auswendig aufsagen zu können - längere Demonstrationen dieses noch immer vorhandenen Wissens inklusive. Doch er hat auch zu malen begonnen, denn der Klimt-Film, den er im Lockdown gesehen hat, hat ihn schon beeindruckt: „Das kann doch nicht so schwer sein!“ Nun fragt er sich, warum ihm niemand seine schönen Bilder abkaufen will. Doch an sich ist er nicht unzufrieden: „Ich fühle mich sehr wohl zu Hause.“ Der Abend endet mit Musik - und seinem Vorschlag: „Vielleicht kommt ihr mich alle einmal besuchen?“ Muss nicht sein. Aber danke für die Einladung.

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