Mayröcker-Gedenken bei Literatur-Tagen in Klagenfurt

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Am frühen Nachmittag starteten die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur mit einer filmischen Würdigung der jüngst im Alter von 96 Jahren verstorbenen Friederike Mayröcker in die zweite Tageshälfte. Die Dichterin wurde am heutigen Donnerstag in Wien zu Grabe getragen. Aus diesem Anlass verlas Juror Klaus Kastberger ein Gedicht Mayröckers, bevor die Wienerin Magda Woitzuck als erste von insgesamt fünf heimischen Autoren des heurigen Bachmann-Preises an den Start ging.

In ihrem Text „Die andere Frau“ begleitet die erfolgreiche Hörspielautorin, die von Vea Kaiser eingeladen wurde, die Krankenschwester Judith bei der Annäherung an ihre Nachbarin, deren Leiche sie im Wald gefunden, aber es verabsäumt hat, jemanden darüber zu informieren. Zugleich ist der Text ein Zeugnis der Sprachlosigkeit in ihrer langjährigen Ehe, die sich am Küchentisch entfaltet. So heißt es an einer Stelle: „Judith hat den Augenblick verpasst zu erzählen, was passiert ist. Sie ahnt, dass sie ihn nicht verpasst, sondern absichtlich verstreichen hat lassen, was nicht geschehen wäre, hätte Stefan etwas bemerkt.“ Und so dringt Judith in das fremde Nachbarhaus ein, zunächst nur, um die Katze zu füttern, dann streift sie durch die Zimmer: „Verena Bruckner hat nicht gewusst, dass sie nie wieder nach Hause zurückkommen wird, um ihr Geschirr wegzuräumen und ihr Buch fertig zu lesen, um ihre Schnappschüsse am Kühlschrank zu betrachten, die für niemanden mehr von Bedeutung sind. Um ihre Katze zu füttern, von der nun keiner mehr weiß, wie sie heißt, die genauso namenlos ist wie die Trauer, die sich plötzlich aus Judith wühlt.“ Dann trägt Judith den Lippenstift der Toten auf und greift zum Telefonhörer.

Die Jury zeigte sich im Anschluss äußerst streitlustig. Insa Wilke äußerte vor allem Kritik an der unsteten Gewichtung des Textes, die aus den wechselnden Erzählperspektiven rühre. Ihr habe das Zentrum gefehlt. Auch Kastberger zeigte sich wenig überzeugt von „einem der formalkonventionellsten Texte bisher“ und nannte den Text „überbuchstabiert“ und zugleich „schlampig gearbeitet“. In dieselbe Kerbe schlugen Brigitte Schwens-Harrant und Michael Wiederstein, der den Text „übererzählt“ fand. „Es bleibt keine intellektuelle Manövriermasse“, befand der Juror. Mara Delius, die den ruhigen Ton des Textes und die „David-Lynch-haften Szenen“ lobte und Philipp Tingler, der den Text „grandios“ fand und die Einheit von äußerer und innerer Handlung hervor strich, sprangen ervor strich, sprangen Vea Kaiser bei, die den Text eingeladen hatte. Für sie war es ein „Text über das Schweigen der Frau“, ihr hätten vor allem die Bilder von Tod und Vergänglichkeit imponiert.

Sprachlich und inhaltlich gänzlich anders präsentierte sich der Text „1709,54 Kilometer“ der 1991 geborenen Salzburgerin Katharina Ferner, der von Schwens-Harrant eingeladen wurde. In mehreren Miniaturen, die jeweils mit den Worten „Mir träumt“ und absurd kombinierten Maßeinheiten wie „hundertachtzig Liter Artenschutz“ beginnen, werden (alb-)traumhafte Szenen geschildert, die nicht selten Motive wie Eis und Wasser zum Thema haben. „Mir träumt: sechsunddreißig Grad vier Minuten Atemluft. Du kommst per Eisscholle über den Flugplatz geschlittert, an der Unterseite hast du Kufen befestigt“, heißt es da etwa. Dabei zeigt Ferner aber auch Humor, wenn sie von einem sich verselbstständigenden Twitter-Account schreibt, der automatisch antifeministische Postings veröffentlicht.

Einen wilden literaturtheoretischen Abtausch lieferten sich im Anschluss die Juroren. Während Philipp Tingler die „mangelnde Kohärenz“ des Textes kritisierte und sich „fortwährend wünschte, er möge zu Ende sein“ und auch Mara Delius laut danach fragte, worum es in diesem Text überhaupt gehe, konterte Kastberger mit dem Verweis auf die österreichische Avantgarde. Hier handle es sich um „Mikroprosa“, auch wenn er „die zweite und dritte Idee vermisst“ habe. Der Schweizer Wiederstein verstand den Text als „dadaistisches Traumtagebuch“ und konstatierte, dass man ihn mit den bisher im Laufe des Tages angewandten literaturtheoretischen Mitteln nicht kritisieren könne. Auf der inhaltlichen Ebene fragte sich Wilke, „ob der Text nicht Gefahr läuft, unsere Gegenwart als Idylle zu erzählen“, während Schwens-Harrant, die Ferner eingeladen hat, gerade die im Text behandelten „Splitter aktueller gesellschaftlicher Themen“ lobte. Wenig überzeugt zeigte sich auch Kaiser, die den Text jedoch auch als „Fridays-for-Future-Geschichte“ las, obwohl ihr die Handlungsanweisungen gefehlt hätten. Schließlich ging der erste Lesetag auch mit der Frage zu Ende, welches Jurymitglied welche literarische Epoche verschlafen habe.

Am morgigen Freitag eröffnet der von Vea Kaiser eingeladene deutsche Autor Leander Steinkopf um 10 Uhr, gefolgt von der aus Moskau stammenden und seit den 1990ern in Deutschland lebenden Anna Prizkau sowie der Kärntner Autorin und Fotografin Verena Gotthardt. Der Schweizer Autor Lukas Maise startet um 13.30 Uhr in die Nachmittagssession, die um 14.30 Uhr der von Kastberger eingeladene Steirer Fritz Krenn abschließt. Nach dem dritten Lesetag am Samstag findet am Sonntag die Preisverleihung statt.

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