Grüner Mann, kreative Natur: Lois Weinberger im Belvedere 21

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Als Vordenker einer künstlerischen Ökologie und einer ökologischen Kunst, als Philosophen eines neuen Verhältnisses von Kultur und Natur, als Vorreiter einer antihierarchischen Kunstpraxis und als ironischen Schamanen würdigt eine große Ausstellung im Belvedere 21 den im Vorjahr verstorbenen Tiroler Künstler Lois Weinberger. „Er war einer der großen Weisen der zeitgenössischen Kunst“, sagte Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig bei der heutigen Presseführung zu „Basics“.

Das Gerüst zu „Basics“ sei von ihrem verstorbenen Mann im Lockdown noch selbst zusammengestellt worden, sagte Franziska Weinberger: „Es war Lois sehr wichtig, in der Ausstellung Arbeiten zu zeigen, die in Wien noch nie zu sehen waren.“ 130 Arbeiten wurden ausgewählt, 60 Arbeiten auf Papier, 30 Fotoarbeiten, 25 Skulpturen und Objekte, drei Acrylmalereien, zwei Videos und sechs Installationen im Außenbereich, darunter der „Wild Cube“, der sich bereits seit 2012 im Skulpturengarten des Belvedere 21 befindet: ein hoher Stahlkäfig, in dem die Aufforstung durch Spontanvegetation ohne menschliches Zutun erfolgt. Das Aufgeben der menschlichen Autorenschaft, das gleichberechtigte Wirken der Natur an einem gemeinsamen Schaffensprozess sei Weinberger immer wichtig gewesen, sagte Rollig. „Er ist vielleicht jener Künstler, der mich am längsten in der Prägung meines Kunstbegriffs begleitet hat.“

Mit seiner ökologisch geprägten Konzeptkunst gilt Weinberger heute als ein „früher Kritiker der Verwerfungen des Anthropozäns“, wie es in einem Ausstellungstext heißt. Rollig erinnerte an die erste documenta-Teilnahme 1997, als er einen stillgelegten Bahnhof mit „eingeschleppten“ Pflanzen begrünte. „Es war eine Arbeit, die sofort verstanden wurde - als Sinnbild für Migration, für die Aufwertung des Übersehenen.“ Sein „Debris Field“, eine Installation aus über 1.000 Einzelstücken, die er aus dem elterlichen Bauernhof in Stams geborgen hatte und die 2017 erstmals auf der documenta gezeigt wurde, ist nun Bestandteil der Ausstellung im ehemaligen 20er-Haus, wo Weinberger im Jahr 2000 seine letzte große Wiener Museumsausstellung hatte.

„Basics“ (der noch von Weinberger selbst festgelegte Titel bezieht sich auf eine siebenteilige Arbeit aus Lehmskulpturen, die wie kleine Golems auf das Einhauchen von Leben warten) sei keine Retrospektive und keine chronologische Ausstellung, betonte Kurator Severin Dünser. Sie funktioniere vielmehr als Netzwerk von Beziehungen, als Rhizom, das nach allen Seiten wuchere und alles einbeziehe, Zentrales ebenso wie vermeintlich Randständiges, Wertvolles wie scheinbar Nutzloses. So gehen auf einem großen Tisch Erde und Zivilisationsmüll unter den Blicken ihres Arrangeurs, der sich im Sujetfoto der Ausstellung als geheimnisvoller, schamanischer „Green Man“ präsentiert, eine neue Verbindung ein, so hängen auf einer Abraumhalde auf La Gomera gefundene Schuhsohlen in einem blattlosen Strauch, oder stehen im Außenbereich im „Portable Garden“ mit Erde gefüllte PVC-Taschen, wie sie oft von Migranten verwendet werden, um durch Wind und Tiere verstreuten Samen neue Heimat zu bieten.

„Ich stehe dem Geschehen, das allgemein als Natur bezeichnet wird, bei“, fasste Franziska Weinberger mit einem programmatischen Zitat ihres Gatten das Schaffen von Lois Weinberger zusammen. „Mit dieser letzten von Lois Weinberger konzipierten Ausstellung geht die Verantwortung einher, sein Werk nicht nur zu würdigen, sondern auch in seiner Relevanz lebendig zu halten“, betonte Rollig.

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