Italien träumt vom Titel - Spanien als vorletzte Hürde

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Italien muss sich bei der Fußball-EM kaum hinterfragen. Als einzige im Halbfinale stehende Mannschaft gewann die Elf von Trainer Roberto Mancini alle ihre fünf bisherigen Turnierspiele. Zwar lieferten Österreich und Belgien in der K.o.-Phase harte Gegenwehr, die seit dem Eröffnungsspiel als Titelkandidat gehandelte „Squadra“ überwand aber auch diese Aufgaben mit Klasse. Am Dienstag (21.00 Uhr/live ORF 1) wartet im Wembley mit Spanien ein Gegner, der sich durch die EM mühte.

Die Iberer wurden vor der EM mit Corona-Sorgen konfrontiert, standen nach zwei matten Remis in den ersten Spielen stark in der Kritik und mussten im Achtel- und Viertelfinale dann Überstunden einlegen. Noch dazu plagt Spanien ein altbekanntes Problem: Ein Torjäger ist weit und breit nicht in Sicht. Zwar schoss die „Roja“ im Verlauf des Turniers zwölf Tore, mehr als zwei gelangen aber keinem Akteur.

So blieb Gerard Moreno, der in LaLiga für Europa-League-Sieger Villarreal immerhin 23 Tore in 33 Saisonspielen anschrieb, bisher überhaupt ohne Treffer. Alvaro Morata hat wie Ferran Torres zweimal angeschrieben. Die Spanier haben laut UEFA-Statistik bei der EM bisher 365 Angriffe lanciert. 69 mehr als Italien, 235 mehr als England. Spanien hat selbstredend auch die meisten erfolgreichen Pässe gespielt (3.856), hatte den meisten Ballbesitz (67,2 Prozent pro Spiel) und wurde am meisten gefoult.

Effektiv waren die Vorstellungen der Spanier aber bei weitem nicht - was wiederum den Stürmern Kritik einbrachte. Luis Enrique stärkte ihnen den Rücken. „Es ist ziemlich offensichtlich, was Morata und Gerard durchgemacht haben. Sie sind beide meine Spieler und ich bewundere sie beide“, sagte der ehemalige Offensivspieler. Moreno merkte nach dem Viertelfinal-Aufstieg über die Schweiz im Elferschießen an: „Ja, wir hatten viele Chancen. Es geht darum, mental stark zu bleiben. Jetzt gerade fühle ich Erleichterung, weil wir gewonnen haben.“

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Gegen die seit 32 Spielen ungeschlagenen Italiener wird Spanien aber auch defensiv dagegenhalten müssen. Die „Azzurri“ hievten sich mit einem Sieg im hochklassigen Viertelfinale gegen Belgien (2:1) in die Vorschlussrunde. Die Abwehr um Kapitän Giorgio Chiellini ist kaum zu knacken. Einzig, wenn der Gegner Tempo aufnimmt, scheint Italien anfällig. Mit Leonardo Spinazzola fällt außerdem der bisher stärkste Akteur aus. Der Linksverteidiger mit ausgeprägtem Offensivdrang riss sich gegen Belgien ohne Fremdeinwirkung die Achillessehne und wurde am Montag in Turku erfolgreich operiert. Der gebürtige Brasilianer Emerson dürfte ihn ersetzen.

„Je weiter man kommt, desto schwieriger wird es“, mahnte Roberto Mancini. Italiens Trainer baut seinerseits auf das Sturmtrio um Ciro Immobile und sein starkes Mittelfeld. Nicolo Barella und Marco Verratti wurden in der italienischen „Gazzetta dello Sport“ mit ganz Großen verglichen: Mit Xavi und Cesc Fabregas, die mit Spanien 2008 und 2012 die EM sowie 2010 die WM gewonnen hatten. Dazu würde der bei Champions-League-Sieger Chelsea spielende Jorginho bei einem EM-Titelgewinn mit Italien als ernsthafter Kandidat für den Ballon d‘Or gelten, mutmaßte die „Gazzetta“.

Mancini warnte vor zu viel Euphorie rund um sein Team. „Wir wissen, dass es nicht so leicht wird, dass wir ein großartiges Spiel brauchen“, sagte der 56-Jährige. In einem EM-Halbfinale werde man kaum ein leichtes Spiel finden. Spanien bezeichnete er als „außergewöhnliche Mannschaft“. Die Iberer hätten den Fußball in den vergangenen Jahren dominiert. „Der Tiki-Taka-Fußball hat sie zu außergewöhnlichen Erfolgen gebracht, sie spielen das immer noch sehr gut. Unser Fußball ist anders, wir werden versuchen, unser Spiel durchzubringen“, verlautete Mancini.

Auch Leonardo Bonucci äußerte „großen Respekt“ für den Europameister von 2012. „In diesem Halbfinale gibt es keinen Favoriten“, sagte der Abwehrspieler. „Wir haben eine perfekte Serie hingelegt. Auch wenn Spanien Schwierigkeiten im Turnier hatte, das zählt nicht mehr.“

Für Italien geht es im Wembley auch ein wenig um Revanche für bisher Verpasstes. Xavis Spanier bescherten dem Europameister von 1968 auf dem Weg zu einem zweiten EM-Titelgewinn zweimal ein böses Erwachen. 2008 siegten die Iberer in Wien mit 4:2 im Elferschießen und holten sich danach auch den Titel. Damals schon dabei war Chiellini. 2012 siegte Spanien im Finale in Kiew nach einer dominanten Vorstellung mit 4:0. Chiellini und Leonardo Bonucci waren u.a. die Leidtragenden. 2016 setzte sich Italien bei der EM in Frankreich im Achtelfinale durch, scheiterte aber dann eine Runde später an Deutschland.

Im Wembley wollen die beiden Mannschaften jedenfalls am liebsten gleich einziehen. Dort wird am kommenden Sonntag auch das Finale über die Bühne gehen. Den ersten großen Titel seit dem WM-Triumph 2006 in Deutschland hat Italien inzwischen fest im Blick. Torhüter Gianluigi Donnarumma versprach: „Wir haben uns das verdient, jetzt spielen wir das Halbfinale. Wir machen weiter und hoffen, uns den Traum zu erfüllen.“ Geleitet wird die Partie vom deutschen Schiedsrichter Felix Brych. Das Endspiel soll laut niederländischen Medien von Björn Kuipers geleitet werden.


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